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70 Jahre Marshallplan:Der Anti-Trump wird in Berlin geehrt

George C. Marshall

Erfinder des Marshallplans: US-Außenminister George C. Marshall.

(Foto: dpa)
  • Angela Merkel und Henry Kissinger feiern in Berlin George C. Marshall
  • Er entwarf als US-Außenminister 1947 den Marshall-Plan, mit dem die USA Deutschland nach dem Krieg auf die Beine halfen.
  • Die Feier in Berlin wird zum Bekenntnis gegen alles, wofür Donald Trump heute steht.

Von Stefan Braun, Berlin

94 Jahre alt werden und jede Sekunde spannend erleben - das schaffen nicht viele. Henry A. Kissinger aber kann es, und er demonstriert das am Mittwoch in der Hauptstadt. Kissinger ist nach Berlin gereist, um einen 70. Geburtstag zu feiern. Doch was sich ein bisschen arg nach Vergangenheit anfühlen könnte, rückt der Zeitzeuge Kissinger binnen Sekunden ins Zentrum aktueller Debatten. "Als ich 1961 Harry Truman fragte, auf was er am meisten stolz sei", erzählt Kissinger zum Einstieg, "antwortete Truman: dass es gelungen ist, ein besiegtes, geschlagenes Deutschland zurückzuholen in die internationale Gemeinschaft".

Es ist eine fast lapidare Aussage, die Kissinger zitiert. Aber sie erzählt von der wahrscheinlich größten politischen Erfolgsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Geschichte einer US-Regierung, die nicht auf Rache, nicht auf Bestrafung, nicht auf Kleinhalten eines besiegten Gegners sann. Einer US-Regierung, die in schweren Zeiten Milliardenhilfen für Europa als sinnvollste Investition in die eigene Zukunft betrachtet hat. Mit einem Wort: Kissinger erzählt vom Anti-Trump der US-Geschichte.

Gemeint ist George C. Marshall, der US-Außenminister nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Kissinger erinnert an dessen Rede, in der er am 5. Juni 1947 seinen Marshallplan bekannt gab. Gerade mal elf Minuten dauerte der denkwürdige Auftritt in Harvard. Nüchtern und unaufgeregt soll er gewesen sein. So kurz und trocken sogar, dass mancher Anwesende später seinen Nachbarn fragte, was Marshall denn gerade verkündet habe. Letztere Episode erzählt Guido Goldman, Mitgründer des German Marshall Fund, einer am 5. Juni 1972 ins Leben gerufenen Organisation, die bis heute Marshalls politisches Erbe pflegt. Sie zählt zu den wichtigsten Organisationen, denen gute Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland am Herzen liegen.

Merkel nimmt sich nach ihrem Bierzelt-Auftritt in Sachen Trump zurück

So passt es gut, dass der Fund am Mittwoch mit Kissinger den Geburtstag des Marshallplans feiert und dazu auch Kanzlerin Angela Merkel geladen hat. Der Name Trump fällt kein einziges Mal. Und doch haben ihn alle im Kopf, als sie Kissinger zuhören. Einem Kissinger, der von Marshalls einzigartiger Vision schwärmt, die einem einzigartigen Erfolg vorausging. Denn das war es: nichts anderes als einzigartig, dass es gelang, das kriegszerstörte Europa zu einen, aufzubauen und Deutschland zurück in die Weltgemeinschaft zu führen. Laut Kissinger ist das nicht nur für Deutschland und Europa gut gewesen. "Es hat auch den amerikanischen Isolationismus beendet." Was für eine Antithese zum heutigen US-Präsidenten.

Nicht anders sieht das die Kanzlerin, obwohl sie wie Kissinger in ihrer Rede einen Bogen um den Mann im Weißen Haus macht. Ob das Vorsicht ist, um vor dem G20-Gipfel in Hamburg kein neues Öl ins Feuer zu gießen, bleibt offen. Nicht unwahrscheinlich aber ist, dass sie in ihrem ersten Nach-Bierzelt-Auftritt zum Thema schlicht etwas zurück genommener wirken möchte. Zu viel Wirbel hatte das Wir-können-uns-auf-die-USA-nicht-mehr-verlassen gemacht, dass sie im Truderinger Festzelt unters Volk geworfen hatte. Im Deutschen Historischen Museum bleibt sie leise, nüchtern, eben ganz Merkel. Sagt fast ein bisschen kompliziert, "dass wir unser Schicksal ein Stück weit selbst in der Hand haben und auch in die Hand nehmen müssen".

Ansonsten zählt sie auf, wie sehr der Marshall-Plan den US-Interessen eines friedlichen, eines geeinten und eines Amerika zugewandten Europa gedient hat. Nein, "altruistisch", seien Marshalls Ideen sicher nicht gewesen, so Merkel. Es habe im Kalten Krieg auch den USA genützt, dass sich beide Seiten des Atlantiks zu einer westlichen Demokratie- und Wertegemeinschaft verbündet hätten. Der Verweis auf Amerikas Bedürfnisse soll dabei keine Kritik sein, sondern eher ein Wink in Richtung Trump: Schau her, wie sehr man mit Abschottung, Ablehnung, Ausgrenzung auch dem eigenen Land schadet. Es ist ein sanfter Verweis in alles andere als sanften Zeiten: In den USA gibt es nicht nur einen Trump; es gab und gibt dort auch ganz anders denkende Amerikaner. Amerikaner wie George C. Marshall.

© SZ vom 22.06.2017/ewid
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