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25 Jahre deutsche Einheit:Europäischer als die meisten und liberaler als viele

Das mit dem Vierten Reich war und ist Blödsinn, auch wenn Rechte in Frankreich und Linke in Griechenland deutsche Politiker bis heute gerne mal in Nazi-Uniformen karikieren. Zwar gibt es auch in Deutschland Rechtsradikale, darunter ein paar mörderische Terroristen. Und nicht wenige Deutsche liebäugeln mit rechtspopulistischem Gedankengut. Das alles aber ist von einem Vierten Reich noch viel weiter entfernt als die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass wegen der Existenz der Linkspartei irgendwann wieder eine Art liberale DDR auf deutschem Gebiet installiert würde.

Kein anderes Land hat sich so intensiv, lange und konsequent mit seiner nationalistischen, blutigen Vergangenheit auseinandergesetzt wie Deutschland - intensiver als etwa Italien mit seinem Faschismus oder Länder wie Ungarn, Rumänien oder Kroatien mit ihren braunen Vergangenheiten. Deutschland ist europäischer als die meisten anderen und liberaler als viele - das reicht von seinem sehr liberalen Asylrecht über die strikte parlamentarische Kontrolle von Militäreinsätzen bis hin zur manchmal nahezu verzweifelt multilateralen Außenpolitik. Und Berlin will auch nicht den europäischen Hegemon geben, auch wenn dieser Begriff gerade sehr in Talkshow-Mode ist.

"Deutsches Hegemonialstreben" - klingt irgendwie fesch und gebildet.

Dass die Kritik vom angeblich deutschen Europa gerade in Deutschland so viele Anhänger findet, hat einerseits mit der bereits geschilderten Lust in unserem Land zu tun, eher das Schlechte zu suchen als das Gute zu finden. Andererseits gibt es etliche Staaten in der EU, zumal unter den neueren Mitgliedern, die das deutsche Modell vom sozialpartnerschaftlich eingehegten Kapitalismus mit einem hohen moralischen Anspruch attraktiv finden. Viele dieser Länder vertreten in den Gremien der EU ähnliche Ansichten wie die deutsche Regierung - nicht weil sie von den Deutschen dominiert würden, sondern weil sie ihre Interessen ähnlich definieren.

Die Politik gegenüber Griechenland zum Beispiel ist keineswegs der Feldzug Merkels und Schäubles, sondern der einer Mehrheit der Staaten in der Euro-Gruppe. Polen oder die Führungsmacht Frankreich achten genau darauf, dass sie sich von der Führungsmacht Deutschland nicht dominieren lassen. Dennoch verfolgen sie in der griechischen Frage eine ähnliche Politik wie Berlin; im Falle der Flüchtlinge ist dies anders. Die EU sperrt sich auch wegen ihrer komplizierten Konsens-Konstruktion bewusst gegen einen Hegemon. Großbritannien wollte das nie sein, Frankreich wurde es nicht und Deutschland wird es nicht werden. Trotzdem ist die Kritik am "deutschen Hegemonialstreben" en vogue. Schon der Begriff klingt ja irgendwie fesch und gebildet.

Historisch gesehen war die Teilung Deutschlands die Folge davon, dass es im 20. Jahrhundert zweimal, um eine Formulierung Fritz Fischers zu benutzen, nach der Weltmacht gegriffen hat. Das hat sich erledigt. Im 21. Jahrhundert gibt es kaum ein Land in Europa, in dem so viele Menschen den Abschied vom Nationalstaat alter Prägung für richtig halten - auch wenn mancher Pegidist und mancher Lodenjanker-Träger dabei den Untergang des Abendlandes wittert. Trotz alledem und alledem: Deutschland ist 25 Jahre nach der Einheit reifer und weltoffener geworden.

© SZ vom 02.10.2015/pamu
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