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Nordkorea und USA:Kim, Trump und der letzte Countdown

FILE PHOTO: North Korean leader Kim Jong Un watches the launch of a Hwasong-12 missile in this undated photo released by North Korea's KCNA

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un beobachtet einen Raketenstart.

(Foto: REUTERS)
  • Was die Einschätzung der Bedrohung durch Nordkorea angeht, haben sich in Washington zwei Lager gebildet.
  • Demokraten und Moderate im Pentagon sehen keine unmittelbare Bedrohung darin, dass Nordkorea demnächst über Nuklearraketen verfügen könnte. Sie gehen davon aus, dass das Atomprogramm Kim Jong-un vor allem zum Machterhalt dient.
  • Die Fraktion um Trumps Sicherheitsberater H.R. McMaster hält das Kim-Regime hingegen für irrational - und überlegt vorzubeugen.

Kim Jong-un mag für den amerikanischen Präsidenten der "Raketenmann" sein, ein "Durchgeknallter", den er "niemals klein und fett nennen" würde. Und Donald Trump mag für Nordkoreas Machthaber Kim ein "geistig verwirrter Starrkopf" bleiben, der obendrein senil sei. Plötzlich aber tauchen neue Figuren auf in diesem Duell zwischen Nordkorea und den USA. Eine von ihnen ist seltsamerweise auch klein und stämmig (nicht fett). Und ihre Worte haben wirklich Gewicht: Herbert (H. R.) McMaster, der Sicherheitsberater des US-Präsidenten.

Die Sache ist ernst, sehr ernst, sodass nach Monaten der Verbalscharmützel plötzlich die "Erwachsenen im Raum" das Steuer übernehmen. Die Erwachsenen - so nennen sie in Washington die engste Beraterriege um den Präsidenten, die versucht, System und Berechenbarkeit in die US-Außenpolitik unter Trump zu bringen.

Berechenbarkeit strebt McMaster allerdings jetzt gerade nicht an. Im Gegenteil. Der Sicherheitsberater wird zur Sphinx. Stummelsätze dringen aus seinem Mund. Der Mann spricht in Rätseln, weil er ein Geheimnis bewahren will: Wie weit sind die USA bereit zu gehen im Konflikt mit Nordkorea? Oder noch konkreter: Wird es einen Militärschlag geben, um dem Regime in Pjöngjang das wichtigste Machtmittel, die Nuklearwaffen, zu nehmen?

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McMaster wird eigentlich als der ausgleichende Part im Kosmos des Präsidenten gesehen, als einer, der auf Stabilität und Strukturen setzt. So versäumt er keine Gelegenheit, die Nato zu beruhigen oder Härte gegenüber Russland zu zeigen. McMaster ist ein Mann des Sicherheitssystems, ein Falke zwar, aber berechenbar. Wenn so einer in Rätseln spricht, deutet das auf große Unruhe im Apparat hin. Und auf die Vorbereitung des bisher Undenkbaren.

Gemessen an seinen Vorgängern taucht der oberste Trump-Berater häufig im Fernsehen auf, wo er dann Sätze sagt, die das sicherheitspolitische Personal in Wallung bringen. Ob die Kriegsgefahr steige? "Sie wächst mit jedem Tag." Oder dass man nun "maximalen Druck" ausüben müsse. Oder dass Nordkorea "nicht abzuschrecken" sei.

Währenddessen starten die USA das bisher größte Luftwaffenmanöver mit Südkorea, 230 Maschinen neuesten Typs fliegen über Seoul, 12 000 Soldaten üben am Boden. Und Nordkoreas Außenministerium veröffentlicht Sätze wie: "Die verbleibende Frage ist jetzt, wann der Krieg ausbrechen wird." Die Säbel rasseln nicht, sie klirren.

Kims Botschaften werden aufmerkam studiert

Zwei Lager haben sich in Washington gebildet, und wie es scheint, hat die Fraktion um McMaster mit einer Deutung Erfolg, die sämtliche Grundsätze der Nuklearpolitik und der Abschreckung der vergangenen Jahrzehnte infrage stellt.

Die eine Fraktion, der Demokraten und die Moderaten im Pentagon angehören, hält es für unvermeidbar, dass Nordkorea demnächst über Nuklearraketen verfügt. Sie sieht darin aber keine unmittelbare Bedrohung, weder für Südkorea noch für die USA selbst. Diese Fraktion glaubt, Kim betreibe das Nuklearprogramm, um seine Macht zu erhalten. Angriffe des Regimes sind demnach eher unwahrscheinlich und im Zweifel abzuschrecken mit der Drohung eines nuklearen Gegenschlags. So hat es schließlich all die Jahrzehnte mit der Sowjetunion oder mit China funktioniert.

Die andere Fraktion, die im Weißen Haus ihre Fürsprecher hat, hält das Kim-Regime dagegen für irrational und studiert aufmerksam dessen Botschaften. Tatsächlich hat die Frequenz der Propaganda-Botschaften zugenommen, die als Staatsziel des Nordens die Vereinigung der beiden Koreas ausgibt.

Daraus ziehen die Analysten ihre Schlüsse: Kim und sein Regime hätten schon immer exakt ihre Ziele benannt. Man müsse sie ernst nehmen. Kim könnte also sein Nukleararsenal einsetzen, um die USA zu erpressen und letztlich ihren Abzug von der Halbinsel zu erzwingen. Selbst ein konventioneller Angriff des Nordens auf den Süden ließe sich dann nicht zurückschlagen, weil Kim Seattle oder San Francisco mit Nuklearraketen bedrohen kann. Um dieser Erpressbarkeit zu entgehen, müsse über einen Präventivschlag nachgedacht werden.