107-Jähriger über Ausbruch des Ersten Weltkrieges "Der Kaiser war wie der liebe Gott"

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Zeitzeuge Fritz Koch

Begeisterung auf den Straßen

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, jubeln die Menschen und brennen darauf, das Vaterland zu verteidigen.

Wilhelm II. ist mitverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, doch für Fritz Koch war der Kaiser ein friedfertiger Mensch. Besuch bei einem Zeitzeugen, der sich an die Monarchie in Deutschland erinnert - und an den Kriegsausbruch vor 100 Jahren.

Von Anna Günther, Berlin

Fritz Koch spricht über den letzten deutschen Kaiser beinahe zärtlicher als über seinen Vater. Dabei bewundert er den Vater noch heute. Der Vater, der für seine Kinder so geschickt Tauben, Hunde und Pferde aus Holz schnitzte, der seinen Sohn nach preußischen Königen Friedrich nannte.

Der Vater, der als junger Mann in weißer Uniform im Kürassier-Regiment "Königin" diente. Weil es eine Ehre war, für die Königin der Preußen, für die Kaiserin der Deutschen zu reiten und zu streiten. Sogar den nach oben gezwirbelten Schnurrbart trug Ernst Koch wie der Kaiser.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Der Vater wählte auch in Friedenszeiten die Uniform. Als Straßenbahnfahrer war er dem Wetter auf der Plattform schutzlos ausgeliefert. Im Dienst nahe Unter den Linden sah der Vater den Kaiser. Das war das größte Erlebnis, sagt der Sohn.

Erzählt Fritz Koch von seinem Vater, fallen ihm die Worte leicht. Der gestutzte Schnauzer wippt, Bewegung kommt in den gebeugten Oberkörper. Mit 90 wäre er aufgesprungen wie Methusalix, der fidele Greis aus den Asterix-Heften, hätte in den Regalen nach Bildern gesucht. Koch kann nicht mehr springen.

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Er sieht kaum, hört schlecht. Seine Stimme ist leise, brüchig. Der Rollstuhl gibt Halt, und die Erinnerungen. Zwei Weltkriege, zwei Ehefrauen und sieben Bundeskanzler hat er in 107 Jahren kommen und gehen sehen. Sein Gesicht ist von diesem Leben kaum gezeichnet.

Man musste siegen gegen die Feinde

Erzählt Koch von seinem Vater klingt er wie der kleine Junge von damals. Der Vater ist für den Sohn ein Held. Doch der Kaiser, "der war wie der liebe Gott".

Gesehen hat er ihn nie. Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser. Der Hohenzoller mit dem Fimmel für Uniformen und Kriegsschiffe forderte für sein Reich einen Platz an der Sonne, das Dichterland sollte Weltmacht sein.

Uniform-Marotte von Kaiser Wilhelm II.

Russisch, englisch, türkisch sind alle meine Kleider

Er konkurrierte mit den anderen Nationen, mit seinen gekrönten Verwandten in London und Sankt Petersburg. Für den Aufstieg zum Großreich nahm der Kaiser auch Krieg in Kauf. Wilhelm II. versicherte Österreich nach der Ermordung des Thronfolgers bedingungslose Solidarität und stürzte sein Volk in einen Krieg.

Für Fritz Koch ist dieser Kaiser ein anderer. Der gütige Monarch, der malte wie Koch, der den Krieg nicht wollte, den die anderen Herrscher hineindrängten. Der Kaiser, der in Frankreich an der Front auf die Knie fiel und beteuerte, dieses Elend habe er nicht gewollt. "Der Kaiser war nicht kriegerisch. Mein Schwiegervater war Zeuge, der hat das gesehen", sagt Koch. "Der Kaiser liebte den Krieg nicht, aber aus Gerechtigkeitsgründen wollten wir siegen, mussten wir siegen. Gegen die Feinde."

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Zeitzeuge Fritz Koch

Der Kaiser, ein Erlebnis

Den Tag, an dem der Vater in Berlin Kaiser Wilhelm II. sah, hat der Sohn nie vergessen.

Gegen die Russen, die Koch im Zweiten Weltkrieg als bitterarme, fromme Menschen kennenlernte, bevor sie Berlin überrannten. Gegen die Franzosen, die beneidet wurden. Woher diese Feindschaft kam, weiß er nicht. Die anderen werden das besser wissen, sagt Koch. Seine Vermutung: "Alle wollten immer die Ersten sein."

Die Eltern verehrten das Kaiserhaus

Politik hat Fritz Koch nie interessiert. Er hat den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert verehrt und den Deutsch-Nationalen Paul von Hindenburg trotzdem gewählt. Politik war auch bei seinen Eltern kein Thema. Die Nähe zum preußischen Herrscherhaus haben sie an die Kinder weitergegeben.

Kochs Eltern lernten sich auf dem Gestüt der alten preußischen Adelsfamilie von Arnim in der Uckermark kennen. Der Vater arbeitete nach Entlassung aus dem Kürassier-Regiment als Pferdemeister, die Mutter als Kammerzofe. Nach der Hochzeit zog die Familie nach Berlin.

In Reinickendorf wuchs Fritz Koch unbeschwert mit seiner Schwester auf, tobte mit den Nachbarskindern durch die Straßen und jagte den ersten Flugzeugen hinterher, die im Landeanflug auf Tegel über die Siedlung brausten.