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Wetter:"Was heuer da an Kälte kommt, ist Zufall"

Die TV Asahi Kirschblütenallee auf dem Grenzstreifen von Berlin und Brandenburg am 10. Mai 2021 in Berlin. Passanten in

Immerhin das ist wie immer gleich schön im Mai: Kirschblüten auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Berlin und Brandenburg bei Teltow.

(Foto: Rainer Keuenhof/imago images/Manngold)

Die Eisheiligen 2021 werden kalt - also alles normal? Der Wiener Meteorologe Marcus Wadsak winkt ab und erklärt, wie drastisch sich die Temperaturen im Mai in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

Interview von Oliver Das Gupta

Ein paar Tage Sommer, dann wieder kühl und regnerisch. Typisch für die Eisheiligen? Marcus Wadsak, Leiter der Wetterredaktion des Österreichischen Rundfunks in Wien, über alte und neue Wetterregeln.

SZ: Herr Wadsak, in München hat es gerade 27 Grad. Kommen Sie in Wien auch schon ins Schwitzen?

Marcus Wadsak: Noch geht's, hier in Ostösterreich kommt die Hitze gerade erst an und bleibt dann dafür einen Tag länger. An diesem Montag gab es den ersten Dreißiger des Jahres, und zwar in Salzburg. Am Dienstag wird es vor allem im Osten richtig heiß, da dürfte es in Deutschland schon deutlich frischer sein.

Es kühlt pünktlich zu den Eisheiligen ab, aller Klimaerwärmung zum Trotz.

Na ja.

Nein?

Auf diese alte Wetterregel sollte man sich nicht verlassen. Statistisch sehen wir zum Zeitpunkt, an dem die Eisheiligen im Kalender stehen, keine signifikant kühlere Wetterphase, die regelmäßig auftreten würde.

Aber es wird doch kalt!

Klar wird es das, und genau deshalb werden wir uns auch die Eisheiligen 2021 merken. So ist das immer, wenn eine alte Wetterregel durch das passende Wetter bestätigt wird. Der Hang, dass wir an diese Singularitäten sehr gerne glauben wollen, ist sehr ausgeprägt. Aber die vielen Jahre, in denen die Eisheiligen warm waren, vergisst man schnell - wenn man sie überhaupt wahrnimmt.

Also blenden die Menschen bei schönem Wetter Mitte Mai einfach aus, dass eigentlich gerade die heiligen Pankratius, Servatius, Bonifatius und die kalte Sophie im Kalender stehen?

So ist es. Ich kann mich an so viele Wettermoderationen erinnern, bei denen ich gesagt habe: Die Eisheiligen heißen heute Erdbeere, Pistazie und Vanille. Aber das merken sich nur wenige Leute, weil man bei 30 Grad an andere Dinge denkt als an die Eisheiligen. Was heuer da an Kälte kommt, ist Zufall. Nächstes Jahr könnte es wieder ganz anders sein. Noch ein Punkt: Früher waren die Eisheiligen im Kalender erst Ende Mai angesiedelt. Sie rutschten im Jahre 1582 bei der Umstellung vom julianischen auf den gregorianischen Kalender nach vorne.

Marcus Wadsak, Jahrgang 1970, hat Meteorologie studiert und leitet die Wetterredaktion des Österreichischen Rundfunks (ORF) in Wien.

(Foto: Irene Schaur)

Ist denn an den Eisheiligen als Kälteperiode gar nichts dran?

Doch, schon. Es ist so: Die althergebrachten Wetterregeln sind ja entstanden, weil jemand vor langer, langer Zeit die Witterung genau beobachtet hat. Das waren vor allem Landwirte, die im Besonderen vom Wetter abhängig waren. Die Eisheiligen stehen für eine Periode, die für die Landwirtschaft heikel ist: Durch die teils schon starke Sonne und Wärme treiben viele Pflanzen aus und blühen. Allerdings kann es in dieser Zeit auch noch zu Nachtfrösten kommen. Die überlieferte Botschaft aus Urzeiten lautet also für unsere Breiten: Achtung, Mitte Mai kann es noch frieren. Man sollte diese Erkenntnis nicht an die Eisheiligen-Tage im Kalender binden, Kälteeinbrüche kann es auch in den Wochen davor und danach geben.

Hat die menschengemachte Klimaerwärmung auch einen Einfluss darauf, dass die alte Wetterregel heute eher selten zutrifft?

Durchaus, ja. Gerade bei uns in Deutschland und Österreich sind die Veränderungen stärker ausgeprägt als im globalen Mittel. Mehrere Fixpunkte, die wir früher hatten, verschieben sich. Die 30 Grad, die wir nun in der ersten Maihälfte messen, waren früher extrem selten. Vor 40, 50 Jahren waren solche Höchsttemperaturen erst für Juni typisch. Ich kann mich sogar noch an ein Jahr in meiner Kindheit erinnern - es war 1975 -, in dem es das ganze Jahr über keinen einzigen Tag mit 30 Grad hatte.

Was kann man denn über das Wetter in Zeiten der Klimakrise überhaupt verlässlich sagen?

Es wird unberechenbarer, überraschender. Die Sommer werden tendenziell länger und heißer. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass nicht ab und zu ein Sommer kalt und verregnet ausfallen kann. Schauen Sie sich den April 2021 an, es war in Deutschland der kälteste April seit 40 Jahren.

Es war schauderhaft.

Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass Monate auch mal zu kühl sein können. Der Februar war hingegen zum Beispiel in Österreich unfassbar warm.

Also ist wirklich gar nix mehr fix?

Man kann für unsere Breiten sagen, dass der Sommer wärmer bleiben wird als der Winter. Alles andere ist heikel.

© SZ/moge
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