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Plädoyer der Verteidigung im Weinstein-Prozess:"Viel­leicht" oder "wahrscheinlich" schuldig reicht nicht

Attorney Donna Rotunno makes her closing arguments to the jury in front of Judge James Burke at New York Criminal Court

Verteidigerin Donna Rotunno präsentiert in ihrem Schlussplädoyer liebevoll klingende E-Mails, die mutmaßliche Opfer an Weinstein schrieben - für sie ein Beweis, dass dieser kein Vergewaltiger sein könne.

(Foto: REUTERS)
  • Harvey Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno erinnert die Jury an ihr Versprechen, fair und unvoreingenommen zu urteilen.
  • Das bedeute auch, im Zweifelsfall eine unpopuläre Entscheidung zu treffen.
  • Die mutmaßlichen Opfer bezeichnet die Verteidigerin als Frauen, die nicht bereit seien, die Konsequenzen für ihres eigenen Handeln zu tragen.

Als sich die Staatsanwältinnen und Harvey Weinsteins Verteidiger am Don­ners­tagmorgen vor der Richterbank sammeln, erinnert die kleine Men­schen­traube an eine Trauerge­sell­schaft. Zumindest farblich. Auch Donna Rotunno, die wichtigste Frau des Tages, trägt Bluse und Rock, ganz in Schwarz. Weinsteins Verteidigerin aus Chicago gilt als Spezia­lis­tin für Kreuzverhöre, warum, hat sie in den vergangenen drei Wo­chen gezeigt. Eine Zeugin brachten ihre boh­renden Fragen an den Rand eines Zusammen­bruchs. An diesem Donnerstag steht Rotunno nun selbst eine Bewährungsprobe bevor - sie muss versuchen, die zwölf Jurymitglieder von Harvey Weinsteins Version der Geschehnisse zu über­zeu­gen.

35 Zeu­gen sind gehört, sämt­liche Beweis­mittel einge­reicht, im ersten großen Prozess der MeToo-Ära fehlen nur noch die Schlussplä­doy­ers. Auf der ersten Power-Point-Folie der Ver­tei­digung steht in juristischer Dürre: "People of the State of New York v. Harvey Weinstein". Der Ex-Filmmogul muss sich vor der Strafkammer des New York State Supreme Courts wegen Ver­gewaltigung und sexueller Nö­tigung ver­ant­worten. Insgesamt werfen ihm mehr als 80 Frauen sexuelles Fehlverhalten vor, im Verfahren in Manhattan geht es im Kern um zwei Frauen. Weinstein bestreitet die Anschuldigungen und spricht von einvernehmlichen sexuellen Kontakten. Bei einer Verurteilung steht eine mehrjährige Haftstrafe im Raum.

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Don­na Rotunno wirkt in den Minuten vor ih­rem großen Auftritt gelöst, scherzt mit dem Anwalt eines mutmaßlichen Opfers. Dass die Anwältin dennoch sehr genau weiß, was für ihren Mandan­ten auf dem Spiel steht, wird mit ihren ersten Worten deutlich. "Harvey Weinstein dankt Ihnen", sagt sie gleich zu Beginn an die Jurymitglieder gerich­tet, "sein Schicksal liegt nun in Ihren Händen."

Es gehe nicht darum, Weinstein zu mögen, sagt seine Verteidigerin

Die 44-Jährige steht hinter dem Rednerpult, das in den vergangenen Wochen in Richtung des Zeugenstands ausge­richtet war. Nun blickt Rotunno auf Frauen und Männer in weinroten Leder­sesseln, die Jury. Vor ihr liegt ein auf­geschlagener Aktenordner, zwei Wasserfla­schen stehen bereit. Harvey Weinstein habe den Gerichtssaal als unschuldiger Mann be­treten, sagt seine Anwältin - ihn für "viel­leicht" oder "wahrscheinlich" schuldig zu halten, sei nicht genug. Sie erinnert die Gremiums­mitglieder daran, dass sie ver­spro­chen haben, fair und unvoreingenommen zu urteilen. Das bedeute auch, sagt Rotunno, möglicherweise eine Entscheidung zu treffen, die im eigenen Umfeld sehr unpopulär sei. "Historisch sind Sie die letzte Verteidigungslinie in diesem Land."

Es gehe nicht darum, Harvey Weinstein zu mögen - "eine unbeliebte Person braucht Sie am meis­ten", appelliert die Verteidigerin. Während Sie spricht, leuchten auf dem großen Bildschirm zur Rechten der Jury Folien mit den Grund­sätzen des amerikanischen Rechtssystems auf. "Unschuldsvermutung", steht dort, und: "Be­weislast". Staatsanwältin Illuzzi werde bei ihrem Schlussplädoyer am Freitag emotional werden, warnt Weinsteins Anwältin die Jury. "Sie wird versuchen, Sie aufzupeitschen." Rotunno selbst inszeniert sich als Stimme der Vernunft, spricht ruhig, aber betont. Als sie ausführlich aus der Aussage eines mutmaßlichen Opfers zitiert, gähnt eine Frau in der Jury.

Rotunno hat Folien vorbereiten lassen zu den beiden Frauen im Zentrum dieses Verfahrens, der ehe­maligen Produktionsassistentin Miriam Haleyi und der Friseurin Jessica Mann. Es gibt Folien, die Kalendereinträge von Haleyi zei­gen, sie stammen aus der Zeit nach den mut­maß­lichen Übergriffen. Auf manche Seiten hat Haleyi Herzen und Blumen gekritzelt. "Ist das wirk­lich Ihr Gemütszustand, wenn Sie etwas Traumatisches erlebt haben?", fragt Rotunno in den Saal.

Auch ein E-Mail-Wech­sel zwischen Jessica Mann und einer Freun­din erscheint auf dem Bildschirm. Die Freundin hatte Mann einen Artikel über Weinsteins Ehe geschickt, "ich werde ihn auf jeden Fall danach fragen", schrieb Mann zu­rück. Für Rotunno ein Be­weis, dass es der jungen Frau nie um eine Arbeitsbeziehung mit dem Studioboss gegangen sei. Eine E-Mail Manns an Weinstein, in der sie diesen fragt, ob er um ihren Geburtstag herum in LA sei, kommentiert die Anwältin mit den Worten: "Noch so eine Sache, die Sie an Ihren Verge­wal­tiger schreiben."

Mal subtiles, mal sehr offensives Victim Blaming

Im Prozess hatte eine forensische Psychiaterin erklärt, dass es für Opfer sexueller Gewalt durchaus normal sei, den Kontakt zum Täter zu halten - es sei der Versuch, die Kontrolle über das Verhältnis wiederzuerlangen. Rotunno blendet diese Experten-Einschätzung einmal mehr aus und konzentriert sich auf das, was von Beginn an die Strategie der Weinstein-Seite war: mal subtiles, mal sehr offensives Victim Blaming, Opferbeschuldigung also. Die Staatsan­walt­schaft, sagt Rotunno, habe ein Universum kreiert, in dem Frauen keine Verantwortung für die Konse­quenzen ihres Handels tragen müssten.

Bevor die Anwältin ihre Ausführungen begann, hatte sich Richter James Burke noch einmal direkt an Harvey Weinstein gewandt, der an diesem Morgen gemeinsam mit mehreren, überwiegend männlichen Unterstützern den Saal betreten hatte. "Sind Sie sich absolut sicher, dass es Ihre Entscheidung ist, nicht auszusagen?", fragte Burke den Mann auf der Anklagebank. "Ja", antwortete Wein­stein. Zweimal hakte Burke nach, beide Male blieb der 67-Jährige bei seiner Antwort.

Harvey Weinstein lässt lieber seine Anwältin für sich sprechen. Knapp fünf Stunden dauert Rotunnos Schlussplädoyer, gegen Ende ist das Klicken der Journalistenlaptos fast verstummt. Einmal noch wird es schnell und laut. Die Verteidigerin kommt ihrer vorerst letzten Pflicht nach. "Harvey Weinstein hat diese Taten nicht begangen", sagt Donna Rotunno.

© SZ.de/fie
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