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Weinstein-Prozess:Immer im Angriffsmodus

Weinsteins Anwältin Donna Rotunno bringt Frauen im Kreuzverhör an den Rand des Zusammenbruchs - ein Vorgehen, das zynisch anmutet, aber im US-Rechtssystem nur folgerichtig ist.

Von Johanna Bruckner, New York

Wer Donna Rotunno einmal im Kreuzverhör erlebt hat, weiß, warum sie als Spezialistin für die Zeugenbefragung vor Gericht gilt. Ihr Mandant Harvey Weinstein soll sich unter anderem deshalb für die bislang nicht als Promi-Anwältin in Erscheinung getretene Juristin aus Chicago entschieden haben. Während ihre Verteidigerkollegen Damon Cheronis und Arthus Aidala schon mal laut werden, wenn sie Zeuginnen vor sich sitzen haben - der eine bellt eher, der andere poltert -, spricht Rotunno so, wie sie sich kleidet. Mit einer perfekten Mischung aus zurückhaltender Weiblichkeit und Härte.

Jessica Mann, eine der Frauen im Zentrum des New Yorker Vergewaltigungsprozesses gegen den einstigen Filmproduzenten, musste sich gleich an mehreren Tagen Rotunnos Kreuzverhör stellen, einer unendlichen Abfolge von Detailfragen, die wenigsten haben etwas mit den mutmaßlichen Übergriffen zu tun. Es geht um Nebenschauplätze wie etwa eine Rolle in einem Vampirfilm, die Weinstein der ehemaligen Schauspielerin in Aussicht gestellt haben soll. Als Mann sich entschuldigt, weil sie etwas durcheinandergebracht hat, sagt Rotunno: "Sie sind ziemlich oft verwirrt, nicht wahr, Miss Mann?" Ihr Ton erinnert dabei an eine Lehrerin, die eine besonders begriffsstutzige Schülerin vor sich hat.

Das ist noch einer ihrer subtileren Versuche gewesen, die Zeugin vor den zwölf Jury-Mitgliedern zu diskreditieren. Rotunno hält der 35-Jährigen im Verlauf des Kreuzverhörs auch ganz direkt vor, eine Manipulatorin zu sein, die sich zu ihrem eigenen Vorteil mit dem sehr viel älteren, ihr zugetanen Filmproduzenten eingelassen habe. In der vorangegangenen Befragung durch die Staatsanwaltschaft hatte Mann unter Tränen zwei brutale Übergriffe geschildert. Sie hatte aber auch eingeräumt, immer wieder einvernehmlichen Sex mit Weinstein gehabt zu haben. Für Weinsteins Verteidigerin eine offene Flanke.

Rotunno hat ihre berufliche Karriere auf die Verteidigung von Sexualstraftätern ausgerichtet, sie weiß: Die Beweislast liegt bei der Gegenseite, die Staatsanwaltschaft muss zweifelsfrei beweisen, dass Weinstein die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat - Rotunnos wichtigste Aufgabe ist es, genau diese Zweifel zu säen. So zynisch ihr Geschäftsmodell wirken mag, es baut auf einem Grundsatz des amerikanischen Rechtssystems auf: Experteneinschätzungen haben vor US-Gerichten einen sehr viel geringeren Stellenwert als in Deutschland. Glaubwürdigkeitsgutachten sind grundsätzlich nicht erlaubt. "Die Theorie ist, dass die Jury niemanden braucht, der ihnen etwas erzählt, das sie selbst herausfinden können", erklärt der Jurist Tim Hallahan. Er lehrt an der Stanford Law School die Techniken des Kreuzverhörs.

"Würde ich mir manchmal wünschen, die Frauen in den Arm nehmen zu können? Ja."

Donna Rotunno hatte vorab in Interviews immer wieder davon gesprochen, die Wahrheit im Fall Weinstein ans Licht bringen zu wollen. Tatsächlich geht es ihr eher um Deutungshoheit. Oder wie es die New Yorker Strafverteidigerin Elena Fast formuliert, die selbst schon in 20 Fällen mutmaßliche Sexualstraftäter verteidigt hat: "Mein Job ist es, die Jury dazu zu bringen, die Version der Geschehnisse anzunehmen, die mein Klient vertritt." Ein guter Strafverteidiger wisse genau, welche Fragen er im Kreuzverhör stellen müsse, sagt Fast. Ihre Kanzlei, The Blanche Law Firm, arbeitet wie viele andere vor Prozessbeginn mit Privatermittlern zusammen. "Wir versuchen herauszufinden, ob es etwas gibt, das ein fragwürdiges Licht auf die Ehrlichkeit des mutmaßlichen Opfers werfen könnte."

In einem Fall habe man sich zunutze gemacht, dass die Belastungszeugin in ihrer Steuererklärung falsche Angaben gemacht hatte. "Gegenüber der Jury haben wir dann argumentiert: Diese Person hat eine staatliche Behörde belogen - glauben Sie wirklich, sie sagt jetzt die Wahrheit?" Aber nicht alles, was die Verteidigung ausgräbt, wird vor Gericht zugelassen. Beweismittel müssen Relevanzkriterien erfüllen. Die Gesetzgebung hierzu unterscheide sich allerdings von Bundesstaat zu Bundesstaat, sagt Jura-Dozent Hallahan.

Im Verfahren vor der Strafkammer des New York State Supreme Court nehmen die Angriffe auf die mutmaßlichen Opfer mitunter skurrile Züge an. So darf Weinsteins Verteidiger Arthur Aidala eine Frau zu ihrem Auftritt im Video einer Band namens Bambi Killers befragen - angeblich ein Beweis dafür, dass sie ihre Schauspielkarriere weitergeführt hatte, obwohl sie selbst angab, ihre Karriere wegen Weinstein beendet zu haben. "Ist es nicht so, dass in dem Video Tiere mit Kettensägen getötet werden?", fragt Aidala. Staatsanwältin Joan Illuzzi sieht sich daraufhin genötigt, festzuhalten, dass die Zeugin Veganerin ist.

Jessica Mann bringen die bohrenden Fragen und offenen Spitzen von Donna Rotunno am zweiten Tag des Kreuzverhörs an den Rand eines Zusammenbruchs. Sie beginnt zu schluchzen, Richter James Burke muss die Verhandlung unterbrechen.

Im Internet werben Kanzleien, die auf Sexualverbrechen spezialisiert sind, mit einer "aggressiven" Verteidigungsführung - für Hallahan eine gefährliche Taktik. Manchem Mandanten gefalle es zwar, wenn der eigene Anwalt Zeugen einschüchtere. "Aber bei der Jury und dem Richter kommt das nicht gut an."

Strafverteidigerin Elena Fast sagt, sie verzichte darauf, ihre Stimme zu erheben oder auf den Tisch zu hauen - gleichzeitig sei es aber ihre Pflicht, im Kreuzverhör zu attackieren. "Würde ich mir manchmal wünschen, die Frauen in den Arm nehmen zu können? Ja. Aber ich fühle mich nicht schlecht. Es ist mein Job, mein Bestes zu geben, um meinen Mandanten zu beschützen und den Schaden für ihn zu begrenzen."

© SZ
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