China Neue Software soll Kriminelle an ihren Gesichtszügen erkennen

Computerprogramm zur Verbrechensprävention (Archivbild).

(Foto: dpa)

Mit einer Treffsicherheit von 89,5 Prozent. Wie kann das sein? An den Genen liegt es jedenfalls nicht.

Von Ronen Steinke

Bei der Polizei stehen derzeit Software-Entwickler hoch im Kurs. "Predictive Policing" ist so ein Begriff, der Kripo-Leute träumen lässt; die Vorstellung also, dass Computer eines Tages werden vorhersagen können, wo sich Straftaten ereignen. Das würde die Arbeit sehr erleichtern. Einer neuen Erfindung aus China ist da nun Aufmerksamkeit gewiss: Es geht um ein Computerprogramm, das auf Fotos von Gesichtern erkennen können soll, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand kriminell ist. Zwei chinesische Software-Experten haben gerade eine Studie publiziert, wonach dies gelungen ist. Xiaolin Wu und Xi Zhang, zwei Künstliche-Intelligenz-Forscher der Universität Shanghai, haben ihre Entdeckung online auf der Wissenschaftsplattform arXiv veröffentlicht, die von der amerikanischen Cornell University betrieben wird.

Da läuten - politisch, moralisch - natürlich die Alarmglocken. Skepsis ist angebracht. Der italienische Rechtsmediziner Cesare Lombroso maß schon im 19. Jahrhundert die Schädel von Häftlingen, um der Physiognomie des "geborenen Verbrechers" auf die Spur zu kommen, wie er es nannte. Seine Forschung war hanebüchen, die Nazis griffen sie trotzdem gerne auf. Auch in jüngerer Zeit hat es immer wieder Versuche gegeben, eine biologische Veranlagung zum Verbrechen nachzuweisen. Meist war das blühender Unsinn. Aber die beiden chinesischen Forscher haben durchaus eine saubere Arbeit vorgelegt, sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Thomas Bliesener.

Die Forscher haben ihre Software mit 1856 Passfotos von chinesischen Männern zwischen 18 und 55 Jahren gefüttert. Die Hälfte waren verurteilte Straftäter. Auf der Grundlage dieser Informationen hat das Programm sich selbst beigebracht, mit 89,5 Prozent Treffsicherheit Kriminelle von Nichtkriminellen zu unterscheiden. Der Algorithmus ist kompliziert. Ganz kurz gesagt: Schmaler Mund, eng zusammenstehende Augen - auweia.

Wer für hässlich gehalten wird, hat es schwerer

Der Kriminologe Bliesener sieht eine mögliche Erklärung nicht in den Genen, sondern in bestehenden Vorurteilen der Gesellschaft. Eine Gesellschaft diskriminiert und etikettiert Menschen nach bestimmten äußeren Merkmalen. Wer für hässlich gehalten wird, hat es schwerer; dadurch wird ein Abrutschen in die Kriminalität befördert. Ein Aussehen, das mit Vorurteilen behaftet ist - die Augen enger beieinander, die übrigen Züge weniger symmetrisch -, erhöht diese Wahrscheinlichkeit. Solche Leute werden häufiger von der Polizei kontrolliert und gehen ihr deshalb eher ins Netz.

Eine andere Erklärung: Das Leben hinterlässt Spuren. Narben, Sorgenfalten, schlechte Zähne. Kriminalität führt oft zu körperlichen Schäden, die nichts mit Veranlagung zu tun haben, aber viel mit dem Lebensstil. Wer ein paar der von den chinesischen Forschern verwendeten Passfotos betrachtet, der erkennt auch ohne Algorithmus leicht, welche Gesichter angespannter oder grimmiger dreinblicken als der Durchschnitt. Das sind Eigenschaften, die man in den Passfotos verurteilter Krimineller offenbar häufiger findet als anderswo. Mit Veranlagung hat das aber womöglich weniger zu tun als mit dem Gedanken an die nächste Ausweiskontrolle der Polizei.

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