Twitter-Beichtstuhl:Zur Verehrung der Sünden

Twitter-Beichtstuhl: Foto: Veronica Laber, Collage: SZ

Foto: Veronica Laber, Collage: SZ

Ein Twitter-Feed veröffentlicht anonym kuriose Beichten - allerlei Marotten, Jugendsünden, Peinlichkeiten. Das ist einerseits ziemlich unterhaltsam, verrät andererseits aber auch einiges über die digitale Gegenwart.

Von Alexander Menden

Kürzlich erschien auf dem Twitter-Feed @fesshole die folgende Nachricht: "Ich suche auf Google Maps nach Bildern, die vor dem Tod meines Vaters aufgenommen wurden, damit ich ein wenig in einer Welt herumlaufen kann, in der er noch bei mir ist." Viele Menschen antworteten, darunter einige, die das Gleiche machten: Auf manchen Streetview-Bildern seien sogar ihre mittlerweile gestorbenen Eltern im Bild zu sehen. Die BBC brachte einen kleinen Bericht über die rührende Geschichte.

Wer sich entschloss, aufgrund dieser Story @fesshole-Follower zu werden, dürfte recht bald gemerkt haben, dass es sich um einen ziemlich untypischen Tweet dieses Kontos handelte. Die meisten Nachrichten, die dort stündlich gepostet werden, ähneln eher dieser: "Vor zehn Jahren ließ der Direktor meiner Schule nach einer Schulversammlung niemanden aus der Aula. Er forderte, dass die Person sich stellen solle, die jeden Morgen, wenn er auf dem Klo saß, in die Lehrertoilette rannte, ein lautes Furzgeräusch losließ und wieder verschwand. Das war ich. Ich bin der Musiklehrer." Oder diese: "Vor fünf Jahren traf ich zufällig meinen Schwiegervater in einer Schwulensauna. Wir sahen uns an und gingen dann getrennter Wege. Wir haben das nie erwähnt, aber ich sehe sein Auto oft auf einem Rastplatz, der ein beliebter Schwulen-Treffpunkt ist."

"Ich weiß nicht, welche von diesen Beichten wahr sind", sagt Rob Manuel, der @fesshole im September 2019 startete. "Niemand weiß das. Ich glaube aber, viele der Dinge, die gebeichtet werden, sind zumindest möglich. Menschen machen sehr verrückte Sachen!" Das Konzept hinter dem Twitterfeed, der übersetzt in etwa "Beichtloch" heißt und mittlerweile knapp 146 000 Follower hat, ist denkbar einfach: Jeder, der möchte, kann peinliche Obsessionen und Erlebnisse, verrückte Marotten oder Jugendsünden in knappen Worten in ein Google-Formular eintragen, das auf Twitter verlinkt ist. Der Absender bleibt anonym, weil seine IP-Adresse nicht nachvollziehbar ist, nicht einmal für Rob Manuel.

Twitter-Beichtstuhl: Rob Manuel findet, sein Twitterfeed @fesshole gäbe wohl auch Stoff für wissenschaftliche Studien.

Rob Manuel findet, sein Twitterfeed @fesshole gäbe wohl auch Stoff für wissenschaftliche Studien.

(Foto: privat)

"Wenn sich jemand beschwert, kann ich ihn nur an Google weiterleiten", erklärt der Brite, der seit 20 Jahren seinen Unterhalt mit "diversen Internetprojekten" verdient, wie er sagt. "Die haben die Daten, nicht ich. Und Google gibt sie natürlich nicht heraus." Aus der so generierten Google-Tabelle sucht Manuel diejenigen heraus, die er für lustig und interessant genug hält, um sie zu veröffentlichen. Im Schnitt schaffen es etwa 18 Prozent der 80 bis 140 täglich eingesandten Beichten in den Feed.

In der katholischen Kirche dient das Sakrament der Beichte dazu, den Beichtenden in den Zustand der Gnade zu versetzen: Man gesteht seine Sünden einem Priester, der als eine Art direkter Draht zu Gott fungiert. In dessen Namen kann der Geistliche dem Beichtenden die Absolution erteilen, sofern dieser glaubhaft bereut. Ein wichtiger Aspekt des Sakraments ist zweifellos der Umstand, dass man sich etwas Belastendes von der Seele geredet hat.

Eine seelenrettende Wirkung beansprucht @fesshole keinesfalls. Aber die Tatsache, dass hier so viele Menschen im Internet Dinge ausbreiten, die man nicht mal den engsten Vertrauten erzählen würde, deutet darauf hin, dass allein deren Formulierung eine Art Ventil darstellt - obwohl nicht wenige betonten, dass sie "nichts bereuen" und eher anzugeben als zu "beichten" scheinen. Die Beurteilungen anderer Twitter-Nutzer fallen jedenfalls oft keineswegs verständnisvoll, sondern harsch oder spöttisch aus. Darauf muss sich jeder gefasst machen, der ein Geständnis im virtuellen Beichtstuhl hinterlegt.

"Habe bis Mitte 20 nie eine Schnecke gesehen"

Rob Manuel hatte vorher schon mehrere ähnliche Twitter-Projekte "zum eigenen Amüsement" gestartet: @swearclock etwa flucht immer zur vollen Stunde besonders erfindungsreich, bei @anon_opin kann man, ebenfalls anonym, unpopuläre Meinungen posten. Aber @fesshole hat offenkundig einen Nerv getroffen. Die "Beichten" reichen von Geschichten über angeblich vegane, für die Ehefrau gekochte Gerichte, die riesige Mengen Parmesan enthalten, über Handwerker, die ihre neuen Werkzeuge ihren alten persönlich vorstellen bis zu Inzestträumen. Ein gigantischer Prozentsatz hat im weitesten Sinne mit Körperfunktionen und seltsamen Toilettenritualen zu tun, sehr weit oben rangieren zudem Geschichten über außereheliche Affären, Pornografiekonsum und gekauften Sex.

Manche Geschichten klingen sehr plausibel, etwa die über den Pullover, den die Oma mit so viel Herzblut für das Enkelkind gestrickt hat, dass ihr Sohn es nicht über sich bringt, ihr von dessen Wollallergie zu erzählen. Oder die über den anglikanischen Geistlichen, der nicht mehr an Gott glaubt. Andere wirken eher wie eine seltsame Fantasie: "Ich habe alle 'Drücken'- und 'Ziehen'-Türschildchen an meinem Arbeitsplatz vertauscht. Ich arbeite in einem Bestattungsunternehmen", schreibt einer. Wieder andere sind einfach bizarr: "Ich habe nie eine Schnecke gesehen, bis ich Mitte 20 war."

Er habe keine ganz festen Kriterien dafür, welche Beichten er veröffentliche und welche nicht, sagt Rob Manuel. Unterhaltsam oder interessant müssten sie eben sein. Und es gebe Dinge, die es grundsätzlich nie auf @fesshole schafften: "Schuhfetischisten, die ihren Kollegen die Schuhe stehlen, tauchen zum Beispiel immer wieder auf. Und das ist noch am harmloseren Ende des Spektrums erotischer Fantasien. Am anderen sind Sachen über nicht-konsensuellen Sex oder Gewalt." Unendlich viele Männer hätten eine Fantasie, von der britischen Innenministerin Priti Patel sexuell dominiert zu werden. "Der ganze Feed könnte wie die schwitzige Leserbriefseite eines Siebzigerjahre-Pornomagazins sein, wenn ich diese Sachen nicht weitgehend herausfiltern würde", so Manuel. "Was durchkommt, beeinflusst ja auch, was als Nächstes geschickt wird."

Beliebt: Racheakte an Vorgesetzten

Was die Reaktionen der Follower angeht, sind anscheinend Racheakte an Vorgesetzten - ob echt oder imaginiert ist wie gesagt kaum nachzuvollziehen - besonders beliebt. Wie dieser hier: "Als ich meinen Samstagsjob aufgab, klebte ich zum Abschied einen gefrorenen Hering unter den Schreibtisch meines Chefs. Vierzehn Tage später bekam ich einen wütenden Anruf von ihm, nachdem er den Kammerjäger hatte holen müssen, um den mysteriösen Geruch zu beseitigen."

Ein Follower schreibt zu fast jeder Beichte einen Limerick, in dem er den Inhalt poetisch zusammenfasst. Andere kommentieren stets den möglichen Wahrheitsgehalt und erklären fast jede Beichte für erfunden. "Es kann sein, dass viele ausgedacht sind, aber selbst wenn es sich nur um Fantasien handelte, wären die für sich genommen ja schon vielsagend", findet Rob Manuel. Was genau sie aussagen, ist freilich der Interpretation des Lesers von Beichten wie der folgenden überlassen:" Am glücklichsten fühle ich mich, wenn das Klicken meines Autoblinkers perfekt synchron mit der Musik ist, die ich gerade höre. Fühlt sich besser an als Sex, einschließlich dessen, der meine beiden Babys hervorgebracht hat."

Zwischen all den Fäkal- und Sexstorys taucht ab und zu Berührendes auf, das weniger wie eine Beichte oder als Beichte verkleidete Angeberei wirkt als wie die Aussage eines Menschen, der wirklichen Leidensdruck verspürt: "Ich betreue meine an Demenz erkrankte Mutter. Heute Morgen hörte ich sie mit meinen Hunden reden. Einer von ihnen sprang auf ihren Schoß und sie sang ,Melancholy Baby' für ihn, ein Schlaflied, das sie mir als Kind vorgesungen hat. Ich habe noch nie so heftig und so leise geweint."

Er sei keineswegs darauf aus gewesen, ein Sozialexperiment zu machen, sagt Rob Manuel. "Aber wenn jemand diese Beichten auswerten würde, ergäbe das sicher eine interessante Studie." Nur auf eines sollte man in diesem virtuellen Beichtstuhl lieber nicht hoffen: auf Absolution.

© SZ/moge
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