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Kirche:Abschied vom "Sündenschrank"

Deutschlands modernster Beichtstuhl steht in der Kirche St. Michael in der Münchner Innenstadt.

(Foto: Jann Averwerser)

Architektin Stefanie Seeholzer hat für eine Münchner Kirche neue Beichtstühle entworfen. Mit ergonomischen Sitzen, Fußbodenheizung und Lichtkonzept.

Wer an einen Beichtstuhl denkt, der denkt wahrscheinlich an ein schrankartiges Möbelstück aus dunklem Holz. Im Inneren eine harte Sitzbank für den Priester und eine gefühlt noch härtere Kniebank für den Beichtenden - und zwischen beiden Seiten ein Gitter. In der Kirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone sehen die Beichtstühle neuerdings ganz anders aus. Entworfen hat sie die Architektin Stefanie Seeholzer, 41.

SZ: Frau Seeholzer, wann waren Sie das letzte Mal beim Beichten?

Stefanie Seeholzer: Während der Kommunionsvorbereitung meiner Töchter, zehn und 14 Jahre alt, habe ich mich intensiv mit dem Thema Beichten und der neuen Form eines offeneren, direkten Gesprächs beschäftigt. Das entspricht meiner Meinung nach dem Bedürfnis vieler. Meine jüngere Tochter hat mir sogar anvertraut, was sie im Rahmen so eines offenen Gesprächs gebeichtet hat. Das darf ich hier aber natürlich nicht verraten, Beichtgeheimnis!

Sie haben Bürgerhäuser, Rettungsstationen, Kindergärten und Museumsgebäude entworfen. Wie wird man Beichtstuhldesignerin?

Wir haben Erfahrung mit Sakralbauten, haben ein Pfarrheim gebaut, eine Kapelle, derzeit planen wir einen ökumenischen Raum auf dem Campus der Technischen Universität München. Aber Beichtstühle waren Neuland für unser Büro. Begonnen hat es mit einem Einladungswettbewerb, den wir 2018 gewonnen haben. Grundsätzlich ist es uns wichtig - unabhängig von der Art des Projekts - dass wir stimmungsvolle Räume schaffen.

Braucht es überhaupt neue Beichtstühle? Die Nachfrage ist doch sicher sehr gering.

Da täuschen Sie sich aber gewaltig. In der Michaelskirche im Herzen von München, für die wir die vier Beichtstühle und zwei Beichtzimmer geplant haben, kommen jede Woche im Durchschnitt 250 bis 300 Menschen zum Beichten. Zu Stoßzeiten gibt es Warteschlangen. Sitzbänke für die Wartenden vor den Beichtzimmern gehören zu unserem Konzept, schließlich ist der Beichtgang eine ganzheitliche Erfahrung. Niemand will, dass das Beichten abschreckend und unbequem ist.

Stefanie Seeholzer und ihr Geschäftspartner Peter Kunze betreiben seit 2003 das Architekturbüro kunze seeholzer Architekten in München.

(Foto: Kunze Seeholzer)

Bei Beichtstühlen denken viele an dunkle, Ehrfurcht gebietende Kästen.

Wir wollten weg von diesem Konzept der düsteren "Sündenschränke" und haben in engem Austausch mit den Nutzern und Auftraggebern ganz bewusst eine sehr helle, einladende Konstruktion aus Weißtannenholz entworfen. Einen Raum, der die richtige Umgebung für das Bußsakrament schafft. Einen Raum, der mehr ist als eine Lokalität für das Loswerden von Sünden: ein Ort für den Dialog.

Die Priester, die als Beichtväter das Bekenntnis der Sünden abnehmen, freuen sich sicher auch schon auf einen bequemeren "Arbeitsplatz".

Natürlich, sie verbringen viele Stunden in diesen winzigen Räumen, in unserem Fall ist der Beichtstuhl 2,80 Quadratmeter groß. Der Stuhl der Priester ist ergonomisch geformt, sie können Temperatur und Luftzufuhr regulieren. Unser Ziel war es, die Innenräume einladend und behaglich zu gestalten - und gleichzeitig würdig. Das war eine große Herausforderung.

Das klingt nach einer Art Wellness-Beichtstuhl.

Das Ziel ist doch, dass die Gläubigen in der Kirche das tun können, was sie für die Ausübung ihrer Religion brauchen. Was spricht dagegen, dass dies in einer hellen, positiven Umgebung geschieht? Die St.-Michael-Kirche ist eine der berühmtesten Kirchen Münchens, hier liegt König Ludwig II. begraben, hier predigte Pater Rupert Mayer gegen die Nazis. Es ist ein besonderer spiritueller Raum mit einer großen Kraft.

Was ist im Inneren für die Beichtenden anders?

In vielen alten Beichtstühlen konnten die Gläubigen nur kniend auf Bänkchen zum Priester durch eine vergitterte Öffnung in einer Trennwand sprechen. Bei unserem Design haben die Beichtenden zwei Möglichkeiten: Sie können wie bisher durch ein Fenster auf den Knien ihre Sünden bekennen, oder ein wenig nach links rutschen und im Sitzen an einem Tischchen ohne Trennwand mit dem Priester reden. All das nicht in zwei Zellen, sondern in nur einem Raum.

Gibt es in den modernen Beichtstühlen auch moderne Technik wie Wlan?

Eher im Gegenteil. Wir hatten gemeinsam mit den Beichtvätern überlegt, ob wir im Beichtstuhl Verbindungen mit dem Internet blockieren sollten, haben das dann allerdings nicht gemacht. Es gibt sicher wenige, die gleichzeitig beichten und im Netz surfen wollen. Aber natürlich ist der Beichtstuhl technisch auf dem neuesten Stand.

Nämlich?

Es gibt Lüftung, Wand- und Fußbodenheizung, ein ausgefeiltes Lichtkonzept, mit dimmbarem, indirektem Licht und einer Präsenzanzeige, an der man erkennt, ob gerade jemand beichtet oder der Beichtstuhl leer ist. Besonders wichtig war der Schallschutz, schließlich wollen die Gläubigen auch während eines Orgelkonzerts ein ruhiges Gespräch führen können und andererseits sicher sein, dass nichts von dem innen Besprochenen nach außen dringt.

Der Beichtstuhl-Prototyp ist seit einigen Wochen im Einsatz, weitere fünf sollen bis Ostern folgen. Gibt es erste Erfahrungen?

Vor einigen Tagen kam eine ältere Dame auf mich zu, als ich ein Detail an unserem ersten Beichtstuhl nachprüfte. Sie hatte erstmals die Beichte in der Neukonstruktion abgelegt und war ganz begeistert. Es sei, sagte sie, der angenehmste Beichtstuhl, in dem sie je gewesen sei. Schon jetzt freue sie sich auf das nächste Mal.

© SZ/nas
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