Erdbeben in der Ägäis:Beton, löchrig wie ein Badeschwamm

Rescue operations after earthquake in Izmir

Izmir, Türkei, 1. November 2020.

(Foto: Murad Sezer/Reuters)

65 Stunden nach dem Erdbeben in der Ägäis retten die Rettungskräfte in der türkischen Stadt Izmir eine Dreijährige aus den Trümmern. In der Türkei entflammt nach dem Erdstoß mit fast 80 Toten eine Diskussion über Baustandards.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Aus der Luft hat man jetzt in den türkischen Nachrichtenkanälen immer wieder die Gebäude gesehen, von denen nur ein Schuttberg blieb, Betonplatte auf Betonplatte, aufeinandergelegt wie eine riesige Schichttorte. Und nur ein paar Meter daneben stehen Achtstöcker aufrecht, scheinbar unversehrt.

Als habe ihnen das schwere Erdbeben, das am vergangenen Freitag um 14.51 Uhr Ortszeit (12.51 Uhr MEZ) die türkische Ägäis-Stadt Izmir getroffen hat, gar nichts anhaben können. Deshalb fragen sie nun wieder in den Dauerfernsehdebatten, warum nur ist das so?

Es ist die Frage, die nach jedem schweren Erdbeben in der Türkei gestellt wird.

Und wieder antworten die Experten, was man schon so oft gehört hat: Es ist nicht verwunderlich, dass die Erde bebt, große Teile der Türkei sind geologisches Risikogebiet. Aber es müssten nicht so viele Menschen in ihren Wohnzimmern und Küchen begraben werden, wenn man sich an die Bauvorschriften halten und nicht zum Beispiel minderwertigen Beton verbauen würde.

Der Bauexperte Ali Koçak von der Istanbuler Yıldız-Universität steht in Izmir vor einem der Schutthaufen und hält in die Kamera des Senders Habertürk einen fußballgroßen Steinbrocken: löchrig wie ein Badeschwamm. Der Experte kann es gar nicht fassen, dass jemand damit baute. Eine 73 Jahre alte Überlebende aus Izmir schilderte, sie sei zum Zeitpunkt des Bebens im dritten Stock eines Gebäudes auf dem Balkon gewesen. Bei der ersten Erschütterung sei nichts passiert, bei der zweiten seien aber die siebte, sechste und vierte Etage "wie ein Sandwich" aufeinandergefallen. Es habe weniger als eine Minute gedauert, bis das gesamte Gebäude eingestürzt gewesen sei.

Erdbeben in der Ägäis: Suche nach Überlebenden in Izmir.

Suche nach Überlebenden in Izmir.

(Foto: Yasin Akgul/AFP)

Bis Montagmorgen haben die Retter allein in Izmir schon an die 80 Tote geborgen, und es könnten immer noch Menschen unter den Trümmern liegen. Unter einem der acht eingestürzten Wohngebäude, wo die Suche noch weitergeht, nachdem die Rettungskräfte schon drei Nächte durchgearbeitet haben.

Und dabei gibt es immer wieder das, was man fast ein Wunder nennen muss: 65 Stunden nach dem Beben ziehen sie ein drei Jahres altes Mädchen lebend aus dem Schutt, die Mutter und die drei Geschwister konnten schon am Samstag ausgegraben werden. Eines der Kinder starb später. Die Retter hatten zuvor mit der Frau Kontakt aufnehmen können. "Wenn du meine Stimme hörst, klopf drei Mal", rief ein Helfer. Die Frau antwortete.

17 Stunden nach dem Beben wurde auch ein 16-jähriges Mädchen lebend geborgen, nach 26 Stunden ein 62-jähriger Mann. Und am Sonntag, 33 Stunden nach dem Beben, retteten die Helfer den 70 Jahre alten Ahmet Çitim, verletzt, aber er lebt.

Insgesamt konnten die Helfer mehr als Hundert Menschen aus den Trümmern holen. Fast 950 Verletzte wurden registriert. Das Beben hatte nach Angaben des türkischen Katastrophenschutzes eine Stärke von 6,6. Das Zentrum lag vor der Küste der Provinz Izmir in 16,5 Kilometern Tiefe.

Unmittelbar danach waren über der Vier-Millionen-Stadt Izmir an mehreren Stellen hohe Staubwolken zu sehen. Mindestens vier Gebäude stürzten nach Angaben des Provinzgouverneurs komplett ein, 26 wurden so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar sind und abgerissen werden müssen. Man sah im Fernsehen auch hohe Apartmenthäuser, die sich zur Seite geneigt hatten, aber stehen blieben.

Erdbeben in der Ägäis: Lag es an minderwertigem Baumaterial?

Lag es an minderwertigem Baumaterial?

(Foto: Yasin Akgul/AFP)

Fast 6400 Rettungskräfte waren laut Behörden im Einsatz, dazu 20 Suchhunde, und viel schweres Gerät. Die Retter waren diesmal schnell zur Stelle. Nach 1999, nachdem ein Beben der Stärke 7,6 die Marmara-Region, in der auch Istanbul liegt, erschüttert hatte, wobei 18 000 Menschen starben, wurden im ganzen Land Zehntausende Erdbebenhelfer ausgebildet. In Istanbul ziehen seitdem Menschen, die es sich leisten können, nur noch in Gebäude, die nach 1999 errichtet wurden, weil da gewöhnlich der Erdbebenschutz verbessert wurde.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan versprach am Samstag in Izmir, zerstörte Häuser würden schnell wiederaufgebaut. Auch mehrere Minister und Oppositionspolitiker reisten nach Izmir. Ihnen wurde dafür teils in sozialen Medien vorgeworfen, sie hätten eine "Show" veranstaltet.

Auch auf mehreren griechischen Inseln war das Beben zu spüren und hat Schäden verursacht. In Samos wurden zwei Jugendliche von einer einstürzenden Mauer auf einer Straße erschlagen.

Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis rief Erdoğan an, sprach sein Mitgefühl aus und gab das über Twitter bekannt. Auch Erdoğan twitterte anschließend: "Solidarität unter Nachbarn ist wertvoller als vieles andere im Leben." Eigentlich befinden sich die beiden Länder in einem heftigen Dauerstreit um Erdgasvorkommen in der Ägäis.

In der Westtürkei gab es auch am Sonntag noch zahlreiche, teils deutlich spürbare Nachbeben. Viele Menschen haben die Nacht erneut in Parks und in Zelten des Katastrophenschutzes verbracht. Ein befürchteter zweiter Tsunami blieb aus. Am Freitag hatten hohe Wellen küstennahe Straßen verwüstet, Tische und Stühle von Restaurants mitgerissen, Fische in Gärten gespült und Boote zerstört. Es hieß, ein Mann sei ertrunken.

© SZ/muth
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