Weihnachten in Tschechien:Bitte nicht in die Badewanne

Weihnachten in Tschechien: Ein Fischhändler hebt einen Karpfen aus dem Wasserkübel.

Ein Fischhändler hebt einen Karpfen aus dem Wasserkübel.

(Foto: Michal Kamaryt/dpa)

In Tschechien kauft man den Weihnachtskarpfen noch oft lebend. Tierschützer finden das eine Quälerei. Eine parlamentarische Initiative setzt sich für eine Abschaffung des Brauchs ein.

Von Viktoria Großmann

In den Tagen vor Weihnachten können die Tschechen nicht mehr in ihren Badewannen baden - es sei denn in eiskaltem Wasser mit Fisch. So jedenfalls muss man sich die Konsequenzen tschechischen Weihnachtsbrauchtums wohl vorstellen, denn zu Weihnachten gehört in Tschechien ein Karpfen. Man kauft ihn auf dem Markt oder auch vor dem Supermarkt aus einem großen Bottich, trägt ihn lebend in einer Plastiktüte nach Hause, wo er dann seine Zeit bis zum Heiligabend in der Badewanne verbringt. Am 24.12., der im Tschechischen der großzügige Abend heißt, liegt das Tier dann filetiert und paniert neben Kartoffelsalat auf dem Teller.

Auch die tschechische Literatur beschreibt den Kauf des lebenden Fischs, etwa das Kinderbuch "David und der Weihnachtskarpfen" von Jan Procházka. Ivan Klíma beschreibt sein Alter Ego in "Meine fröhlichen Morgen" als betrügerischen Karpfenverkäufer wider Willen; Kult ist auch eine Karpfen-Badewannen-Filmszene im Klassiker "Pelišky" von 1999.

Alles schon eine Weile her, doch aus Sicht der tschechischen Tierschützer gibt es auch heute noch zu viele Karpfen als Kurzzeithaustiere im Badewannenaquarium. Für die Tiere, so erklärt die tschechische Tierschutzorganisation Obraz, ist das alles großer Stress. Nicht nur, weil die Karpfen letztlich sterben müssen - nicht so geübte Köche könnten ihnen dabei auch noch zusätzliches Leid zufügen. Auch die Haltung im großen Bottich beim Verkauf, dann in der Plastiktüte oder im Eimer und schließlich in der Wanne sei für die Fische eine Qual. Unter anderem mache ihnen das Chlor im Leitungswasser das Atmen schwer. Obraz kritisiert zudem den massenhaften Fang der Fische aus den Zuchtteichen, teilweise würden den Tieren dabei Flossen abgerissen.

Auch viele freigelassene Karpfen überleben das nicht

Nun erreichte pünktlich zur Adventszeit die Petition "Stimme für den Karpfen" die Sněmovna, das tschechische Abgeordnetenhaus. Die sozialliberale Piratenpartei, eine von fünf Regierungsparteien, hat bereits eine Novelle im Tierschutzgesetz vorbereitet. Das stößt auf Widerstand, sowohl Abgeordnete aus anderen Regierungsparteien wie aus der Opposition wollen davon nichts wissen. Dabei geht es nicht darum, den tschechischen Familien den Weihnachtskarpfen vom Tisch zu stehlen. Petenten wie Piraten wollen nur den Verkauf lebender Karpfen beenden.

Die Tierschutzorganisation Obraz bringt zu ihren Aktionen trotzdem vegetarische Häppchen mit und verteilt Rezepte für ein karpfenfreies Heiligabend-Essen - Hauptsache, paniert. "Von der Tradition zum Mitgefühl" heißt die Aktion. Die tschechische Sektion der internationalen Organisation Compassion in World Farming will mit der Postkartenaktion "Weihnachten für Karpfen" die Petition unterstützen. Aus drei Motiven kann man auswählen und gezielt Abgeordneten einen E-Mail-Gruß zukommen lassen.

Der kleine David im Kinderbuch freundet sich mit dem Karpfen an und möchte ihn daher nicht essen. Am Ende darf er ihn in die Moldau entlassen. Ein Weihnachtsmärchen, warnen Angler und Tierschützer - meistens überleben die Fische die wiedergewonnene Freiheit nicht. Um dem Karpfen wirklich einen großzügigen Abend zu bescheren, sollte man ihn wohl doch im Teich lassen. Dann ist zu Hause auch die Wanne frei.

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