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Taifun "Haiyan":"Wir Philippiner sind zäh"

Unten im Hafen liegt ein großes Schiff der Marine, das am Nachmittag entladen wird. Vor dem Tor drängen sich die Menschen, die nur noch weg wollen. Zum Beispiel Ellen Go, die bei der Stadt gearbeitet hat und nun ihre Kinder und Enkelkinder auf das Schiff bringen will. Die Überfahrt nach Cebu kostet nichts. "Verwandte werden sich um unsere Kinder kümmern, und dann kommen wir zurück, um unser Haus wieder aufzubauen", sagt Frau Go.

Sie ist eine sehr gefasste Frau, sie spricht ruhig und höflich. Man erinnert sich in diesem Moment wieder an einen Satz von Vater Edwin: "Wir Philippiner sind zäh." Auch diese Katastrophe könne die Menschen nicht brechen, sie werden sich irgendwie durchkämpfen, glaubt er. Von ihrem Staat erwarten sie dabei nicht allzu viel.

Wie Selbsthilfe auf den Philippinen geht, ist zum Beispiel im Hafen von Ormoc City zu beobachten, auf der Westseite der Provinz Leyte, vier Stunden Fahrt von Tacloban entfernt. Auch dort hat der Sturm nahezu jedes Haus zerstört, aber es raste kein Wasser durch die Straßen wie drüben im Osten, wo der Sturm riesige Flutwellen aufpeitschte, bis zu zehn Metern hoch. Sie haben alles verschluckt.

In Ormoc landen die Fähren von der Nachbarinsel Cebu. Am Dienstagnachmittag ist kein Durchkommen mehr an der Anlegestelle, überall stapeln sich Taschen, Kartons mit Wasserflaschen und Säcke voller Reis, Passagiere schubsen und rufen wild durcheinander. Vom Schweiß überströmte Packer wuchten alles auf blaue Schubkarren und bahnen sich einen Weg durch das lärmende Chaos, hinein in die Stadt, nein in den großen Trümmerhaufen, wo Bäume wie braune Gerippe in den Himmel ragen und bizarr verbogenes Wellblech die Straßen vermüllt. Das waren einmal die Dächer von Ormoc.

Alles dreht sich nur um Tacloban

Es ist weniger Zorn als Frust, der sich in Ormoc breit macht: Alles ist hin, nichts geht mehr - aber in den Nachrichten dreht sich alles immer nur um Tacloban. Als gäbe es nicht auch noch andere Orte, die am Boden liegen. Solcher Unmut ist auch im Gebäude der Stadtverwaltung zu spüren. Der Sturm hat dort alle Fensterscheiben eingedrückt, der Boden ist übersät mit Splittern. Aber die City Hall steht noch, und als solches ist sie auch ein Symbol dafür, wie die Leute dem Sturm und seinen Folgen trotzen. Im Inneren tagt nun ein improvisiertes Lagezentrum der städtischen Katastrophenhelfer. Ein paar Stellwände, Plastiktische und Stühle, Computer, ein lärmender Generator. Damit versuchen sie, die Hilfe und den Aufbau ihrer Stadt zu organisieren.

Der Boss im Reich der Scherben ist Engr Godi Ebcas, ein Mann mit feiner Brille und rotem Polohemd. Er schüttelt den Kopf, weil auch vier Tage nach dem Sturm noch immer keine Lebensmittellieferungen angekommen sind für die Stadt Ormoc. Hier glauben sie zu wissen, woran das liegt. Die Hilfe, die nun anlandet, sei für Tacloban bestimmt, sagen sie. Alles rausche durch, und nichts bleibe da. "Auch wir brauchen Essen", klagt Ebcas. "Dringend."

Und drüben in Tacloban? Unter einem grünen Zeltdach in einer Seitenstraße sitzt der Händler David Arcena, der vor dem Sturm Getränke, Dosen und Reis verkaufte, Was noch zu gebrauchen war, hat er an seine Nachbarn verteilt. Nun hockt er mit Freunden im Schatten, ohne Plan für die Zukunft. Wie sollen sie das alles wieder aufbauen?

"I love Tacloban"

In der Erlöserkirche kauert noch immer Frau Llamado, die Mutter. Ihr Mann kann sie nicht trösten, er weint. Vor Kurzem stieß er auf eine Freundin der Tochter, die sagte, sie habe Jessa Marie gesehen, sein vermisstes Kind. Sie erzählte, wie das Kind alleine durch die Straße irrte, im Schock und überall von Wunden übersät. Die Freundin versuchte, mit ihr zu reden, aber das verletzte Mädchen sprach kein Wort und lief einfach weiter. Warum in aller Welt hat sie seine Tochter nicht mitgenommen? Warum hat sie das Mädchen gehen lassen? Der Vater hat keine Antwort darauf. Frau Llamado sagt jetzt nichts mehr, sie blickt sich um in der Kirche, ohne Ziel. Ihr dreijähriger Neffe zupft an ihrer Bluse, aber sie scheint es nicht zu bemerken.

Es ist Zeit, Tacloban wieder zu verlassen, das Auto rollt vorbei an den Trümmerbergen und Menschen, die alle etwas suchen. Auf Motorrädern kommen Armeesoldaten mit M-16-Schnellfeuergewehren entgegen. Über einer Bushaltestelle hängt ein Schild mit einem roten Herz und dem Schriftzug "I love Tacloban". Sie ist verlassen. Nur ein langer schwarzer Sack liegt auf der Bank.