Süddeutsche Zeitung

Taifun "Haiyan":Überleben in der toten Stadt

Schwarze Leichensäcke, hilflose Überlebende, Trümmer überall: Eine Woche nach Taifun "Haiyan" stehen die Menschen noch immer unter Schock. Viele sind zu schwach, um nach ihren vermissten Angehörigen zu suchen. Besuch in einer Stadt, die der Wirbelsturm praktisch dem Erdboden gleichgemacht hat.

Im Kirchhof spielen die Kinder. Sie sitzen am Boden und werfen Münzen. Manchmal springen sie auf und hüpfen kichernd im Kreis herum. Sie sind ganz in ihr Spiel vertieft und bemerken nichts von dem, was um sie herum geschieht. Als ob sie so dieser Welt für einen Moment entfliehen könnten.

Draußen vor dem Tor, nur wenige Meter entfernt, liegen fünf schwarze Säcke in der Sonne, aufgereiht am Straßenrand. Es ist Donnerstagmorgen, Tag sechs nach dem großen Sturm. Die Toten von Tacloban sind noch längst nicht alle begraben. Man sieht es, und man riecht es. Wer überlebt hat, bindet sich ein Tuch vor Mund und Nase.

Drinnen in der Kirche sitzt Maria Fe Llanado. Sie könnte jetzt hinausgehen auf die Straße und suchen, so wie es viele andere tun. Sie könnte noch einmal zurückkehren an den Platz, wo einmal ihr Haus gestanden hat. Sie könnte kreuz und quer durch die Gassen laufen und nachforschen. Aber ihr fehlt die Kraft, sie schafft das alles nicht mehr. So kauert sie hier in der Erlöserkirche auf einer roten Bank. Und ihr Gesicht verrät, dass sie ganz weit weg ist - bei ihren Töchtern.

Niemand rechnete mit der Welle

Jean Pearl war 15 und hat nicht überlebt. Ihre Schwester Jessa Marie ist ein Jahr älter - sie haben sie bislang nicht gefunden. Vor sechs Tagen, am Freitagmorgen um fünf, waren sie noch alle zusammen in ihrem Haus, das ganz nah an der großen Bucht von Tacloban liegt. Sie haben die Sturmwarnungen gehört und sich in ihrem Zimmer zusammengekauert, um alles auszusitzen. Manche sind in die Schutzräume gegangen, die von der Regierung ausgewiesen worden waren. Doch die Familie Llanado harrte zu Hause aus, weil sie glaubte, dass ihr Haus dem Wind schon irgendwie standhalten würde. Niemand rechnete mit der Welle.

Als der Sturm schon eine Weile tobte, drängte plötzlich Wasser ins Haus, höher und höher stieg es, und so flüchteten sie doch noch schnell hinüber zur Schule. Doch in dem Chaos verlor Mutter Llanado ihre Töchter aus den Augen. Das Schulhaus war höher gebaut als ihr Heim, aber auch dort stieg das Wasser unaufhaltsam weiter. So schwammen sie im Inneren des Gebäudes um ihr Leben, und als das Dach immer näher kam, griff die Frau nach einem Dachbalken und klammerte sich fest. Fast zwei Stunden hing sie dort oben, das Wasser begann wieder zu sinken. Aber wo waren ihre Töchter?

Der Taifun Haiyan, der am 8. November mit teilweise 300 Stundenkilometern über die Provinz Leyte und andere Gebiete peitschte, hat die Zentralphilippinen in eine riesige Trümmerlandschaft verwandelt, betroffen sind fast zehn Millionen Menschen. Aber nirgendwo hat er so gewütet wie im Osten, an der Pazifikküste. Und das liegt an der großen Welle, die wie bei einem Tsunami auf das Land raste. Tacloban, eine Stadt mit 220.000 Einwohnern, ist völlig zerstört.

Die Erlöserkirche an der Hauptstraße hat den Sturm wundersam überstanden, das Dach ist beschädigt, aber die Mauern stehen noch. Und so strömten viele Familien hierher und suchten Zuflucht im Gotteshaus von Priester Edwin. An diesem Donnerstag haben sie überall Wäsche zum Trocknen aufgehängt, Männer entfachen im Hof ein Feuer, eine Mutter wäscht ihren Jungen in einem Eimer, das Wasser ist knapp. Drinnen im Schiff sitzen Familien zusammengekauert auf den Bänken, ein Vater hat ein Tuch zur Hängematte geknüpft und schaukelt sein Baby.

Auch die Behörden sind Opfer des Sturms

Frau Llanado kam wenige Stunden nach dem Sturm in diese Kirche, und auch ihr Mann hatte es hierher geschafft. Am nächsten Tag machten sich beide auf die Suche in den Trümmern. Sie gingen zurück zu ihrem Haus, das nicht mehr da war. Und in die Schule, in der sich Frau Llanado an den Balken geklammert hatte. Am Samstag um 11 Uhr vormittags fanden sie ihre jüngste Tochter Jean Pearl, sie lag tot in den Trümmern. Von ihrem älteren Kind Jessa Marie fehlte jede Spur.

Begraben konnten sie ihr Mädchen nicht. Männer haben sie in einen schwarzen Plastiksack gepackt und mitgenommen, um sie in einem Massengrab zu bestatten. Jeden Tag kommen nun Überlebende mit Listen zu Vater Edwin. Der Priester segnet die Toten auf der Liste, die in schwarzen Plastiksäcken liegen und auf Lastwagen abtransportiert werden. Mehrere Tausend Menschen sind alleine in Tacloban gestorben.

Im Kirchenschiff von Vater Edwin leben nun 325 Familien, die rätseln, wie es weitergeht. Sie brauchen Wasser und etwas zu essen, aber die Hilfe läuft sehr schleppend an, und noch ist nur wenig in Tacloban angekommen. Alles ist verwüstet, Bagger müssen die Straßen räumen, und Hilfslieferungen können nur mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff hierhergelangen. Aber Behörden in den Städten gibt es nicht mehr, alle sind Opfer des Sturms. Deshalb geht so wenig voran.

So sind viele der Überlebenden durch die Straßen gezogen und haben die Geschäfte ausgeräumt, die großen und die kleinen, wo immer etwas zu holen war. "Man kann das Plündern nennen", sagt Vater Edwin. "Ich nenne es Überleben." Leider hätten manche allerdings auch Fernseher gestohlen, was Priester Edwin in dieser Lage weder nachvollziehen noch gutfinden kann.

Manche fürchten, dass die Not in Gewalt umschlagen könnte

Und wie steht es mit der Hilfe? Beamte kommen zu ihm und bitten ihn um eine Liste, wer hier etwas braucht. Zwei Tage später kommt der Nächste und fragt, ob er nicht eine Liste habe, damit sie helfen könnten. "Angekommen ist bisher nichts", sagt Vater Edwin, der an diesem Morgen karierte Shorts trägt und an einer Mentholzigarette zieht. "Es ist frustrierend, aber ich habe es nicht anders erwartet."

Ein spanischer Nothelfer, der für Care international arbeitet, sagt, dass die Logistik bei dieser Katastrophe besonders schwierig sei. Überall, in den Häfen wie auf den Flugplätzen, gibt es Engpässe. Nirgendwo gibt es Lagerhäuser, und die Behörden des Staates haben selbst alle so sehr gelitten, dass auch sie erst einmal wieder in Gang kommen müssen. "Mein Büro ist ein einziger Schutthaufen, und ich muss mich als erstes um meine Familie kümmern", sagt ein Beamter der Stadtverwaltung in Tacloban. So ist es jetzt überall in den Taifun-Gebieten der Philippinen.

Der Staat, den diese Katastrophe überfordert, hat die Armee nach Tacloban geschickt und den Notstand ausgerufen. Manche fürchten, dass die große Not umschlagen könnte in Gewalt. Erste Vorfälle hat es bereits gegeben. Verzweifelte Überlebende versuchten, den Flughafen zu stürmen, nur um wegzukommen von diesem Ort des Verderbens. Am Mittwoch fielen Schüsse im Hafen, Soldaten jagten ein paar jungen Männern hinterher.

Nachts gilt eine Ausgangssperre

"Aber wir haben das im Griff", sagt Oberstleutnant Leo Madronal, ein bulliger Mann in einem Tarnanzug. Er versichert, dass große Mengen Hilfsgüter längst auf dem Weg seien. Drei Flughäfen im Krisengebiet könnten wieder angeflogen werden, und es legen inzwischen Frachtschiffe mit großen Ladungen in den Häfen an. Aber niemand, den man in Tacloban spricht, hat davon bis jetzt etwas gesehen.

Die Armee fährt nachts sogar vier Panzer auf, um Plünderungen zu verhindern. Es herrscht Ausgangssperre. "Wer sich nicht daran hält, den scheuchen wir in die Häuser." Madronal meint die Ruinen von Tacloban, in denen es nicht einmal Planen gibt, um den Regen abzuhalten.

"Wir Philippiner sind zäh"

Unten im Hafen liegt ein großes Schiff der Marine, das am Nachmittag entladen wird. Vor dem Tor drängen sich die Menschen, die nur noch weg wollen. Zum Beispiel Ellen Go, die bei der Stadt gearbeitet hat und nun ihre Kinder und Enkelkinder auf das Schiff bringen will. Die Überfahrt nach Cebu kostet nichts. "Verwandte werden sich um unsere Kinder kümmern, und dann kommen wir zurück, um unser Haus wieder aufzubauen", sagt Frau Go.

Sie ist eine sehr gefasste Frau, sie spricht ruhig und höflich. Man erinnert sich in diesem Moment wieder an einen Satz von Vater Edwin: "Wir Philippiner sind zäh." Auch diese Katastrophe könne die Menschen nicht brechen, sie werden sich irgendwie durchkämpfen, glaubt er. Von ihrem Staat erwarten sie dabei nicht allzu viel.

Wie Selbsthilfe auf den Philippinen geht, ist zum Beispiel im Hafen von Ormoc City zu beobachten, auf der Westseite der Provinz Leyte, vier Stunden Fahrt von Tacloban entfernt. Auch dort hat der Sturm nahezu jedes Haus zerstört, aber es raste kein Wasser durch die Straßen wie drüben im Osten, wo der Sturm riesige Flutwellen aufpeitschte, bis zu zehn Metern hoch. Sie haben alles verschluckt.

In Ormoc landen die Fähren von der Nachbarinsel Cebu. Am Dienstagnachmittag ist kein Durchkommen mehr an der Anlegestelle, überall stapeln sich Taschen, Kartons mit Wasserflaschen und Säcke voller Reis, Passagiere schubsen und rufen wild durcheinander. Vom Schweiß überströmte Packer wuchten alles auf blaue Schubkarren und bahnen sich einen Weg durch das lärmende Chaos, hinein in die Stadt, nein in den großen Trümmerhaufen, wo Bäume wie braune Gerippe in den Himmel ragen und bizarr verbogenes Wellblech die Straßen vermüllt. Das waren einmal die Dächer von Ormoc.

Alles dreht sich nur um Tacloban

Es ist weniger Zorn als Frust, der sich in Ormoc breit macht: Alles ist hin, nichts geht mehr - aber in den Nachrichten dreht sich alles immer nur um Tacloban. Als gäbe es nicht auch noch andere Orte, die am Boden liegen. Solcher Unmut ist auch im Gebäude der Stadtverwaltung zu spüren. Der Sturm hat dort alle Fensterscheiben eingedrückt, der Boden ist übersät mit Splittern. Aber die City Hall steht noch, und als solches ist sie auch ein Symbol dafür, wie die Leute dem Sturm und seinen Folgen trotzen. Im Inneren tagt nun ein improvisiertes Lagezentrum der städtischen Katastrophenhelfer. Ein paar Stellwände, Plastiktische und Stühle, Computer, ein lärmender Generator. Damit versuchen sie, die Hilfe und den Aufbau ihrer Stadt zu organisieren.

Der Boss im Reich der Scherben ist Engr Godi Ebcas, ein Mann mit feiner Brille und rotem Polohemd. Er schüttelt den Kopf, weil auch vier Tage nach dem Sturm noch immer keine Lebensmittellieferungen angekommen sind für die Stadt Ormoc. Hier glauben sie zu wissen, woran das liegt. Die Hilfe, die nun anlandet, sei für Tacloban bestimmt, sagen sie. Alles rausche durch, und nichts bleibe da. "Auch wir brauchen Essen", klagt Ebcas. "Dringend."

Und drüben in Tacloban? Unter einem grünen Zeltdach in einer Seitenstraße sitzt der Händler David Arcena, der vor dem Sturm Getränke, Dosen und Reis verkaufte, Was noch zu gebrauchen war, hat er an seine Nachbarn verteilt. Nun hockt er mit Freunden im Schatten, ohne Plan für die Zukunft. Wie sollen sie das alles wieder aufbauen?

"I love Tacloban"

In der Erlöserkirche kauert noch immer Frau Llamado, die Mutter. Ihr Mann kann sie nicht trösten, er weint. Vor Kurzem stieß er auf eine Freundin der Tochter, die sagte, sie habe Jessa Marie gesehen, sein vermisstes Kind. Sie erzählte, wie das Kind alleine durch die Straße irrte, im Schock und überall von Wunden übersät. Die Freundin versuchte, mit ihr zu reden, aber das verletzte Mädchen sprach kein Wort und lief einfach weiter. Warum in aller Welt hat sie seine Tochter nicht mitgenommen? Warum hat sie das Mädchen gehen lassen? Der Vater hat keine Antwort darauf. Frau Llamado sagt jetzt nichts mehr, sie blickt sich um in der Kirche, ohne Ziel. Ihr dreijähriger Neffe zupft an ihrer Bluse, aber sie scheint es nicht zu bemerken.

Es ist Zeit, Tacloban wieder zu verlassen, das Auto rollt vorbei an den Trümmerbergen und Menschen, die alle etwas suchen. Auf Motorrädern kommen Armeesoldaten mit M-16-Schnellfeuergewehren entgegen. Über einer Bushaltestelle hängt ein Schild mit einem roten Herz und dem Schriftzug "I love Tacloban". Sie ist verlassen. Nur ein langer schwarzer Sack liegt auf der Bank.

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Quelle:
SZ vom 15.11.2013/ahe
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