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Kurioser Prozess um totes Huhn:Gerechtigkeit für Sieglinde

Urteil im Schadenersatzprozess um den Tod des ´Filmhuhns"

Huhn Sieglinde bei den Dreharbeiten zum ARD-Fernsehfilm "Wir sind doch Schwestern".

(Foto: dpa)
  • Für das von einem Hund totgebissene Filmhuhn Sieglinde muss der Halter deutlich mehr Schadenersatz zahlen - 615 Euro.
  • Das entschied das Landgericht Kleve am Freitag und verdoppelte damit die vom Amtsgericht zunächst festgelegte Summe.
  • Das Huhn war unter anderem im ARD-Film "Wir sind doch Schwestern" zu sehen.

Schon bevor sie starb, hat Sieglinde riskant gelebt. Jedenfalls ausweislich eines Filmausschnitts, der sie in ihrer bisher größten Rolle zeigt. Sieglinde war eine der Protagonistinnen in dem ARD-Fernsehfilm "Wir sind doch Schwestern", der 2017 gedreht und ein Jahr später gezeigt wurde. Sieglinde spielte darin das Huhn, das sie war. Dieses Huhn, so sah es das Drehbuch vor, wird von einem Auto angefahren, beinahe überfahren. Wäre der Wagen nur drei Zentimeter später zu stehen gekommen, Sieglinde wäre schon damals mausetot gewesen. Man weiß nicht, welche Tricks das Filmteam angewendet hat, um die Szene zugleich realistisch aussehen zu lassen und die Gefahr für Sieglinde im überschaubaren Bereich zu halten. Auch ist nicht bekannt, ob möglicherweise ein Stunt-Huhn zum Einsatz kam, um Sieglinde zu schonen - die ja zu diesem Zeitpunkt bereits ein Promihuhn war, das in mehreren Filmen mitgespielt hatte.

Wie auch immer, wenige Monate später, im Sommer 2017, war Sieglinde tot. Totgebissen auf dem Bauernhof im niederrheinischen Weeze, auf dem sie lebte, von einem Hund, der unter einem Zaun hindurchgeschlüpft war.

Ute Milosevic, 55, Sieglindes Besitzerin, forderte daraufhin Entschädigung von dem Hundebesitzer. 4000 Euro wollte sie haben, denn, so ihre Argumentation, das Tier sei nicht irgendein Huhn gewesen, sondern ein Filmstar. Hunderte Euro habe sie in die Ausbildung des Tieres gesteckt.

Nun ist vor dem Landgericht Kleve das Urteil gefallen. Nicht 4000, sondern nur 615 Euro erhält Milosevic zugesprochen. Die Gerichtssprecherin erklärt am Telefon, wie sich dieser Betrag zusammensetzt. 600 Euro entfallen auf die Ausbildungskosten von Sieglinde. Eine Tiertrainerin, die Sieglinde betreut hatte, sprach von 10 bis 20 Stunden, die sie sich mit dem Tier beschäftigt habe. 15 Euro schließlich, so die Gerichtssprecherin, entfallen auf die Anschaffungskosten für eine durchschnittliche Legehenne, die Sieglinde ja ursprünglich war. Hinzu kommt ein Anteil von 147,56 Euro an den Prozesskosten, der der Klägerin zugesprochen wurde.

Für Milosevic, die auf ihrem Hof auch Hunde, Gänse, Schweine, Pferde und Alpakas hält, war Sieglinde "ein Tier unter Tausend", wie sie bei einem früheren Prozesstermin einmal sagte. Mit dem Urteil am Landgericht hat sie mehr erreicht als in der ersten Instanz. Das Amtsgericht hatte ihr damals eine Mitschuld am Tod Sieglindes gegeben, weil sie ihr Tier frei auf dem Grundstück herumlaufen ließ, und wollte ihr nur die Hälfte der Huhn- und Huhnausbildungskosten, also 307,50 Euro, zubilligen.

Im Prozess ging es auch um das Alter des Huhnes

Der Hundebesitzer hatte schon in der ersten Instanz versucht, in Zweifel zu ziehen, dass sein Tier wirklich Sieglinde getötet habe und nicht irgendein Huhn. Er bot drei Zeugen auf, die aussagten, auf dem Hof habe es zahlreiche braune Hühner gegeben. Die Identität des toten Huhnes sei daher nicht geklärt. Mit dieser Argumentation drang der Mann jedoch weder beim Amts- noch beim Landgericht durch.

Sieglindes Besitzerin, die am Freitag - anders als der Hundebesitzer - persönlich zu dem Verkündungstermin erschien, konnte hingegen nicht nachweisen, dass ihr wirklich Kosten von 4000 Euro entstanden waren. Im Prozess ging es auch um das Alter des Huhnes. Milosevic hatte argumentiert, dass Sieglinde erst zwei Jahre alt gewesen und damit für ein Huhn jung gewesen sei. Weitere Rollen seien fest geplant gewesen.

Doch wer sich ein bisschen auskennt im Filmgeschäft, der weiß, dass eine Karriere so schnell wieder vorbei sein kann, wie sie angefangen hat. Auch ohne Unfall.

© SZ.de/afis
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