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Missbrauchsprävention:Hilfe ist Glückssache

Mädchen im Dunkeln

Rein statistisch sollen ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse in verschiedenen Kontexten von sexueller Gewalt betroffen sein.

(Foto: dpa)
  • Jährlich gibt es in Deutschland Tausende sexuelle Gewalttaten gegen Kinder.
  • Eine neue Studie des Deutschen Jugendinstitus zeigt nun, dass umfassende Präventionskonzepte in Kitas, Schulen, Internaten, Kliniken, Kirchen, Arztpraxen und Sportvereinen immer noch rar sind.
  • Gerade die Schulen hinken in Sachen Prävention besonders hinterher.

Drei Monate ist es her, dass der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, in Berlin die jüngste Statistik zu kindlichen Gewaltopfern vorgestellt hat. In den Zahlen tauchten auch 14 606 sexuelle Gewalttaten gegen Kinder auf, gut jedes zehnte Opfer war jünger als sechs Jahre. Hinzu kamen knapp 7500 Fälle von Kinderpornografie. Das alles aber sind nur die bekannten Taten. Das Dunkelfeld, wie Experten es nennen, ist viel größer. So sieht es auch der Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Am Mittwoch sagte er bei der Vorstellung einer neuen Studie zur Missbrauchsprävention: "Rein statistisch sind ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse in verschiedenen Kontexten von sexueller Gewalt betroffen."

Das Problem: Gerade die Schulen hinken in Sachen Prävention besonders hinterher. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der neuen Präventionsstudie, die Rörig beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Auftrag gegeben hatte. Untersucht wurde zwischen 2015 und 2018, welche Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt Kitas, Schulen, Heime, Internate, Kliniken, Kirchen, Arztpraxen oder Sportvereine haben. Also ob es Fortbildungen für die Fachkräfte gibt, Präventionsangebote für Kinder und Jugendliche, Informationsabende für Eltern, Beschwerdemöglichkeiten, ein Leitbild, einen Verhaltenskodex oder einen Plan, wie im Verdachtsfall verfahren werden soll.

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In der Untersuchung ging es zum einen um die Institutionen selbst, wie sie zu sicheren Orten statt zu Tatorten werden. Zum anderen aber wurde auch untersucht, wie gut die jeweiligen Einrichtungen aufgestellt sind als Ansprechpartner und Helfer für Kinder, die anderswo zu Opfern geworden sind, in anderen Einrichtungen, in der Familie oder durch Gleichaltrige. Kurz: ob die Schule oder Kita überhaupt in der Lage wäre, Warnzeichen zu erkennen und im Zweifelsfall zu handeln. Im Fall von Krankenhäusern und Arztpraxen, wo Missbrauchsopfer aus vielerlei Gründen landen können, spielt naturgemäß der zweite Aspekt eine größere Rolle, in Heimen und Internaten eher der erste. Insgesamt wurden fast 5000 Einrichtungen befragt.

"Schutz und Hilfe hängen oft vom Zufall oder dem Engagement Einzelner ab"

Rörigs Fazit fällt ernüchternd aus. "Schutz und Hilfe hängen noch viel zu oft vom Zufall oder dem Engagement Einzelner ab", sagte er am Mittwoch. Sabine Walper, Forschungsdirektorin des DJI, sprach zwar von Fortschritten verglichen mit vorangegangenen Erhebungen der Jahre 2012 und 2013; in mehr als der Hälfte der Einrichtungen würden mittlerweile zumindest Teile eines Schutzkonzepts angewandt. Umfassende Konzepte aber sind, das zeigt der Bericht, äußerst rar. Schlusslichter sind die Schulen, von denen nur 13 Prozent ein umfassendes Schutzkonzept haben. Dort, sagte Walper, herrsche oft der Eindruck, mit anderen strukturellen Themen schon genug belastet zu sein, von neuen Lehrplänen bis zum Wechsel vom neunjährigen zum achtjährigen Gymnasium und wieder zurück. In Sachen Prävention an der Spitze stehen Heime, wo jede dritte Einrichtung ein umfassendes Konzept vorweisen kann. Kindertagesstätten liegen mit 22 Prozent dazwischen.

Die Einrichtungen bräuchten mehr personelle und finanzielle Ressourcen, folgerte Rörig. Zudem verlangte er mehr verbindliche Vorgaben in Sachen Prävention, sowohl seitens der Träger als auch des Gesetzgebers. Die Politik dürfe es nicht bei Aktionismus belassen und sich "von Skandal zu Skandal hangeln". Schulen etwa sollten per Landesgesetz zu Konzepten gegen sexuelle Gewalt verpflichtet werden, auch eine öffentliche Förderung von Einrichtungen könne an Präventionskonzepte geknüpft werden. Er rechne mit einer dreistelligen Millionensumme, die notwendig wäre. "Wir brauchen in Deutschland dringend kinderschutzfreundliche Finanzminister."

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigte an, im Herbst gemeinsam mit Rörig den "Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen" mit allen zentralen Akteuren einzuberufen. "Wir müssen Kinder und Jugendliche wirksamer vor sexueller Gewalt schützen - egal, ob in der Schule, im Verein oder wenn sie im Internet unterwegs sind."

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