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Sexueller Missbrauch:"Die Eltern sind oft verletzter als die Kinder selbst"

Kindertagesstätte

Szene in einer Kindertagesstätte. Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind keine Seltenheit.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

In einer Kölner Kita haben Kinder von sexuellen Übergriffen durch andere Kinder berichtet. Diplom-Pädagogin Ulli Freund erklärt, wie sich Kitas in solchen Fällen richtig verhalten - und was sie präventiv tun können.

Sexuelle Übergriffe unter Kindern sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Vor vier Jahren war es eine Kita in Mainz, die wegen Übergriffen unter Kindern geschlossen wurde ( Das SZ-Magazin berichtet in der aktuellen Ausgabe). Der Verdacht bestätigte sich später im Ermittlungsverfahren nicht. Im Februar dieses Jahres hat sich eine Kita in Köln nach einem Jahr mit immer neuen Vorwürfen von den Kindern getrennt, die von sexuellen Übergriffen berichtet hatten; dort läuft gerade ein Ermittlungsverfahren. Das sind eskalierte Einzelfälle. Die Diplom-Pädagogin Ulli Freund arbeitet seit 25 Jahren mit Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Sie ist freiberufliche Referentin und Mitarbeiterin im Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

SZ: Frau Freund, Sie sprechen von einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der es in Kitas zu sexuellen Übergriffen kommt. Was meinen Sie damit?

Ulli Freund: Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind keine Seltenheit. Kinder erkunden die Welt, ihre Lebenswelt und dazu gehört auch der Körper und die kindliche Sexualität. Das ist normal, aber leider fehlen dafür oft Regeln.

Was ist der Unterschied zwischen Doktorspiel und sexuellem Übergriff?

Mit sexuellem Übergriff sind alle Berührungen gemeint, die unfreiwillig sind oder in einem Machtgefälle stattfinden. Der Gegenbegriff sind sexuelle Aktivitäten, also sogenannte Doktorspiele; gegenseitiges Erkunden mit gegenseitigem Interesse. Es kann leicht vorkommen, dass Kinder Grenzen überschreiten. Die Kita, in der nichts passiert, will ich sehen. Nach meinen Fortbildungen sagen die meisten Erzieherinnen, sie wüssten jetzt erst, wie viele Übergriffe sie schon übersehen hätten.

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Was für Situationen meinen diese Erzieherinnen denn, die sie heute anders einschätzen würden? Haben Sie ein Beispiel?

Ein fünfjähriger Junge will wissen, wie eine Dreijährige im Genitalbereich ausschaut. Damit sie sich auszieht, verspricht er ihr ein Playmobil-Männchen, das sie gerne will. Das ist ein sexueller Übergriff. Denn: Das Mädchen ist deutlich jünger, es besteht ein Machtgefälle. Außerdem will sie nur die Figur, sie hat kein Interesse an der sexuellen Aktivität mit dem Jungen. Schon hier sollte eine Erzieherin eingreifen und deutlich werden: Machtmissbrauch wird nicht geduldet. Das sexuelle Interesse des Jungen ist an sich legitim, nur das Mittel ist ein Problem und die Dreijährige ist nicht das passende Gegenüber dafür.

Würde man in diesem Beispiel dem Jungen denn empfehlen, sich ein interessiertes Mädchen in seinem Alter zu suchen?

Das wäre eine sexualfreundliche Haltung, die denkbar ist. Das hängt vom sexualpädagogischen Konzept ab; jede Kita sollte eines haben. Damit zeigt die Einrichtung, dass sie sich fachlich mit dem Thema Sexualität, Sexualerziehung und Prävention von sexuellen Übergriffen auseinandergesetzt hat. So ein Konzept gibt den Erzieherinnen im Alltag eine wichtige Orientierung, denn der mit dem Team entwickelte Konsens sichert ihr sexualpädagogisches Handeln ab. Und ein solches Konzept kann eben auch regeln, wie man mit sexuellen Handlungen umgeht, die zwar keinen Übergriff darstellen, die man aber als unpassend empfindet. Etwa, dass ein Kind beim Mittagsessen an seinen Genitalien reibt. Für Eltern ist ein solches Konzept ein Signal, dass diese Themen einen Stellenwert in der Einrichtung haben und dass sie fachliche Antworten auf ihre eigenen Fragen erwarten dürfen. Ein sexualpädagogisches Konzept sollte so selbstverständlich sein wie ein Ernährungs- oder ein Partizipationskonzept.

Wie sollten Kita-Mitarbeiter reagieren, wenn ein Kind von einem sexuellen Übergriff berichtet?

Die Konzentration auf das betroffene Kind ist wichtig, auch wenn man aufgebracht ist und womöglich zuerst das übergriffige Kind zur Rede stellen will. Das betroffene Kind muss getröstet und bestärkt werden. Eine erste mögliche Ansprache ist also: "Gut, dass ich das jetzt weiß, dass du es gesagt hast. Ich kümmere mich darum, dass das aufhört. Das darf keiner mit dir machen." Die Ohnmacht, die das Kind durch den Übergriff erlebt hat, muss sofort aufgelöst werden, indem klar wird, dass die mächtige Person, der Erwachsene, auf seiner Seite ist. Damit reduziert sich die Gefahr, dass das Kind schädigende Folgen davonträgt. Von dem betroffenen Kind erfährt man auch am zuverlässigsten, was passiert ist. Aus der Erfahrung kann ich sagen, dass betroffene Kinder eher weniger berichten als wirklich vorgefallen ist. Sie übertreiben also nicht. Erst danach sollte man sich dem übergriffigen Kind zuwenden und damit rechnen, dass es sein Verhalten nicht zugibt. Es ist meistens kein guter Auskunftgeber.

Wenn wir von einer Kita sprechen, sind die Kinder zwischen einem und sechs Jahren alt. Was gibt es da überhaupt für Sanktionsmöglichkeiten?

Kinder, die übergriffig sind, müssen rasch massive Einschränkungen spüren. Etwa, dass sie Orte nicht mehr alleine aufsuchen dürfen, sich aktiv im Sichtfeld einer Erzieherin aufhalten müssen. Das Ganze aber zeitlich begrenzt. Den Kindern muss zunächst im Gespräch unmissverständlich klargemacht werden, dass ihr Verhalten Unrecht ist. Hauptfokus muss darauf liegen, dass sie verstehen, dass sie mit so einem Verhalten nicht weiterkommen.

Wie hilft man dem betroffenen Kind im weiteren Verlauf?

Indem man die Übergriffe sofort unterbindet und es effektiv schützt. Man muss sich immer bewusst machen: Kinder können sich nicht alleine schützen. Wenn man ihnen nach einem Übergriff vermittelt, sie hätten nur "nein" sagen müssen, gibt man ihnen die Schuld. Man sollte sich auf dieses Nein-Gesage nicht versteifen, damit überfordert man die Schwächeren, die Schüchternen. Die Stärkeren müssen lernen, ihre Macht nicht zu nutzen. Die Frage, ob etwas freiwillig geschehen ist, kann nur fachlich eingeschätzt werden. Das können Kinder nicht immer selbst entscheiden. Manche - gerade junge - Kinder merken nicht, dass sie manipuliert oder unter Druck gesetzt werden.