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Ein Anruf bei...:... Nina Menegatto, die soeben zur Fürstin erklärt wurde

Prinzessin des selbsternannten Fürstentums Seborga

Principessa Nina, die neue Herrscherin des selbsternannten Fürstentums Seborga, bei ihrer Inthronisierung.

(Foto: OH)

Die Bewohner eines ligurischen Bergdorfes sind felsenfest überzeugt, dass sie wegen eines ominösen Vertrages von 1729 unabhängig von Italien sind - und haben deshalb eine Allgäuerin zu ihrem Oberhaupt bestimmt.

Interview von Martin Zips

320 Menschen wohnen im ligurischen Bergdorf Seborga, in dem man felsenfest davon überzeugt ist, wegen eines rechtlich unwirksamen Kaufvertrags aus dem Jahr 1729 von Italien unabhängig zu sein. So zumindest will es ein örtlicher Blumenhändler vor einigen Jahren mal recherchiert haben. Und nun haben sich die Bewohner eine neue Fürstin gekrönt: Nina Menegatto aus Kempten im Allgäu. Ein Gespräch.

SZ: Frau Menegatto, was wir hier nicht verstanden haben: Vor drei Jahren wurde Ihr Mann Marcello als Fürst von Seborga bestätigt. Aber jetzt haben plötzlich Sie übernommen, mitten in seiner Amtszeit. Warum?

Nina Menegatto: Marcello I. ist aus privaten Gründen abgetreten.

Ah, okay. Und jetzt sind Sie also die Fürstin.

Ja. Vorher war ich Außenministerin. Und jetzt wurde ich vom Volk zur Fürstin, oder, wie die Leute hier sagen: zur "principessa" gewählt. Das hatte ich nie vor, aber das Leben spielt halt manchmal anders, als man es gerne hätte.

Am 20. August wurden Sie gekrönt. Wieso haben Sie auf den Fotos keine Krone auf?

Die gibt es schon. Viel wichtiger aber war, dass mir das Schwert und der Schlüssel des Ortes überreicht wurden. Damit werde ich die Unabhängigkeit von Europas kleinstem Fürstentum verteidigen. Auch in Zeiten von Desinfektionsmitteln und Mundschutz.

Prinzessin des selbsternannten Fürstentums Seborga

Nina Menegatto, 41, kam als Nina Döbler in Kempten im Allgäu zur Welt. Zuletzt arbeitete die gewählte Fürstin von Seborga als Immobilienverwalterin und Organisatorin exklusiver Kindergeburtstage in Monaco.

(Foto: Roberto Del Sarto/OH)

Frau Menegatto, ursprünglich heißen Sie ja Döbler und stammen aus Kempten. Wie hat es Sie denn nach Ligurien verschlagen?

Meinen Mann Marcello habe ich mit 15 Jahren in einem Schweizer Internat kennengelernt. Nach der Schule habe ich in Monaco Marketing studiert und wohne dort seit 22 Jahren. In Seborga haben mein Mann und ich einen Bauernhof. Also eigentlich ist es mein Noch-Mann, der wegen seiner Investitionen im Dorf als Bauunternehmer hier recht angesehen ist und deshalb vor neun Jahren gefragt wurde, ob er nicht Fürst werden möchte.

Ist das nicht ein bisschen viel Karneval? Ein Bergdorf, welches von Italien unabhängig sein möchte, weil angeblich der Kauf durch die Savoyen vor 300 Jahren nie stattgefunden hat?

Hier glauben alle an diese Geschichte! Der Kaufvertrag wurde tatsächlich nie gestempelt und bezahlt. Da muss man uns schon beweisen, dass wir ein Teil von Italien sind. Aber klar, wir sind mit Rom nicht im Krieg. Wir schauen aber, was ganz legal möglich ist. Zum Beispiel ist es ganz legal, unsere eigenen Nummernschilder am Auto neben die italienischen zu heften, wenn diese 20 Zentimeter voneinander entfernt sind. Wir haben auch eine eigene Währung, einen Ministerrat, eigene Ausweise und eigene Kostüme.

Gut, aber im Grunde sind das doch alles Gags, um Touristen anzulocken.

Nicht nur! Schon vor acht Jahren haben wir - leider erfolglos - versucht, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unsere Unabhängigkeit einzuklagen. Nun arbeiten unsere Anwälte an einem zweiten Versuch.

Aha. Frau Menegatto, Sie haben eine einjährige Tochter und arbeiteten bisher als Immobilienverwalterin in Monaco. Wie kriegen Sie das Leben hin, jetzt, da Sie auch noch Fürstin sind?

Wie viele andere arbeite ich dieser Tage von zu Hause aus. Ist nicht leicht, aber es geht schon irgendwie.

Und Ihr Noch-Mann, ist der jetzt noch Minister oder so?

Nein. Der ist nur noch principe emerito. Und Ämter hat er keine mehr.

Angeblich unterhält Seborga ja Vertretungen in den USA, der Elfenbeinküste und in München.

Ja, die gibt es noch. Das sind alles Freiwillige, die wirklich an unsere Sache glauben. Und an unserem Nationalfeiertag marschiert meist sogar eine US-Delegation durch unseren Ort. Wir haben nur noch keinen eigenen Zaubertrank. Aber nichts ist unmöglich. Siehe Brexit.

Ach, du liebe Güte. Sagen Sie, darf man Sie wenigstens noch als überzeugte Europäerin bezeichnen?

(Pause.) Na ja also, ich denke schon, weil - ich kann mich noch erinnern, wie lästig das war, als ich während meiner Studentenzeit in Monaco noch mit vier oder fünf Geldbeuteln unterwegs sein musste. Also insofern...

Apropos Regionalismus: Wieso unterhält Seborga eigentlich keine eigene Vertretung in Ihrer Heimat Kempten?

Das kann durchaus noch werden. Meine Eltern leben noch da. Und immer, wenn ich sie dort besuche, ist es einfach herrlich. Aber auch Seborga ist eine eigene, märchenhaft heile Welt.

Und Ihren Noch-Mann, den schicken Sie dann in irgendeine Auslandsvertretung, oder?

Nun, kein Kommentar.

© SZ/moge

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