Schnee in den Alpen Vabanquespiel am Hang

Auf der Schwägalp rollte am vergangenen Donnerstag eine etwa 300 Meter breite Lawine in ein Hotel.

(Foto: Gian Ehrenzeller/picture alliance/dpa)
  • Die Lawinenwarnstufe in weiten Teilen Österreichs steht auf vier, etliche Webseiten melden nahezu minütlich die Zahl der eingeschneiten Orte und abgeriegelten Straßen.
  • Trotzdem begeben sich einige Wintersportler offenbar bewusst in Gefahr.
  • Was geht in den Köpfen dieser Skifahrer vor?
Von Dominik Prantl

Eigentlich ist davon auszugehen, dass sich die Situation, wie sie derzeit in Teilen der Alpen herrscht, herumgesprochen hat. Im Fernsehen jagten sich Brennpunkte und Speziale über von Lawinen erfasste Hotels in Balderschwang und Ramsau am Dachstein. Etliche Webseiten meldeten nahezu minütlich die Zahl der eingeschneiten Orte und abgeriegelten Straßen; am Dienstag zählte alleine das Bundesland Salzburg 41.000 von der Außenwelt abgeschnittene Menschen, die Lawinenwarnstufe in weiten Teilen Österreichs stand auf vier. Umso erstaunlicher ist es, dass sich einige Wintersportler offenbar bewusst in Gefahr begeben.

So gerieten in Lech am Arlberg vier Deutsche abseits der Skiroute "Langer Zug" in eine Lawine, drei von ihnen wurden tot geborgen, der vierte galt noch am Dienstag als vermisst. Aus dem Zillertal wurde wiederum ein Fall gemeldet, bei dem zwei im Tiefschnee steckende Salzburger die Bergretter am Telefon beschimpften, wo diese denn blieben. Das wirft die Frage auf: Was geht in den Köpfen von Skifahrern, die sich trotz der angespannten Lawinensituation ins ungesicherte Gelände begeben, eigentlich vor?

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Jan Mersch, Bergführer, Psychologe und Alpinsachverständiger, will gar nichts beschönigen: "Es ist schon erstaunlich, mit welcher Dummheit sich einige wenige Menschen selbst gefährden." Allerdings lasse er das Argument, dass Harakiri-Aktionen auch die Helfer in Gefahr brächten, nur bedingt gelten. "Es ist immer noch die Sache der Bergrettung, zu entscheiden, wann sie die eigenen Einsatzkräfte ins Gelände schickt." Zudem müsse man differenzieren. Selbst eine zum Teil hohe Lawinengefahr bedeute nicht zwingend, dass man sich nicht abseits der Pisten bewegen könne. "Man muss nur wissen, was man tut."

Genau hier beginnt das Problem. Denn in den meisten Fällen ist nicht reine Dummheit die Ursache. Experten wie Mersch machen vielmehr andere, wesentlich komplexere Gründe für den Leichtsinn der Tiefschneefans verantwortlich, darunter erstaunlicherweise: ein gewisses Maß an Erfahrung. Denn oft passiere geübten Skifahrern abseits des gesicherten Skiraums jahrelang nichts, so Mersch. "In der eigenen psychologischen Wahrnehmung wird das als Erfolg abgespeichert. Man weiß ja nicht, ob es nur Glück oder die richtige Entscheidung war." Mit diesem Gefühl, die Sache im Griff zu haben, steigt die Risikobereitschaft. Mersch spricht von "verstärkender Rückkopplung".

Angeheizt durch Bilder in den sozialen Medien

Ein weiterer Faktor, der die Wahrscheinlichkeit eines Vabanquespiels am Hang erhöht, hat mit dem Prinzip des Tiefschneefahrens zu tun. "Es geht darum, die erste Spur in den Hang zu legen", so Mersch. Da sei es manchen dann fast egal, welche Gefahrenstufe der Lawinenbericht meldet, vor allem dann, wenn nur ein gewisses Zeitfenster für das Skifahren zur Verfügung steht und eine schneearme Zeit voranging. Wenn dann auch noch Männer in Kleingruppen, möglicherweise angeheizt durch Bilder von Gleichgesinnten in den sozialen Medien unterwegs sind, wird es besonders kritisch. Stefan Winter, Ressortleiter Breitensport beim DAV, hat sich beispielsweise den Unfall in Lech genauer angesehen. "Alles Männer, drei davon in der Rush-Hour ihres Lebens, also zwischen 28 und 36 Jahren, und eher gute Skifahrer auf Tagesausflug", so Winter. Für ihn sei das ein "typisches Muster. Da will keiner gerne zurückstecken."

Auch die Tatsache, dass alle mit der empfohlenen Notfallausrüstung, also Sonde, Schaufel und LVS-Gerät, sowie einem Lawinenairbag ausgestattet waren, ist keineswegs eine Lebensversicherung. Sonde, Schaufel und LVS-Gerät helfen nur dann weiter, wenn zumindest eine Person nicht verschüttet wird; der Airbag kann seine Auftriebswirkung bei entsprechend großen Schneemassen nicht entfalten. Der Bergführer Mersch hat in einer nicht repräsentativen Erhebung sogar die Tendenz feststellen können, "dass Leute mit Airbag eher bereit sind in einen steilen Hang einzufahren als Skifahrer ohne Airbag." Winter weist auf die lebensrettenden Bedeutung der Ausrüstung hin, meint aber auch: "Es kennt wohl jeder Autofahrer das Gefühl, dass man durch die technischen Geräte glaubt, Herr der Lage zu sein." Winter ist noch etwas anderes wichtig: "Die große Masse ist sehr vernünftig unterwegs." Und für Geländefahrer steht die gefährlichste Phase ohnehin noch bevor, nämlich dann, wenn die Lawinengefahr demnächst etwas absinken wird. Rein statistisch passieren bei Stufe drei die meisten Unfälle.

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