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Russland:Rätselhaftes Massensterben

VILYUCHINSK, RUSSIA - OCTOBER 1, 2020: A dead octopus on the shore of the Bezymyannaya Bay. Many dead marine animals ar

Kamtschatka: Ein toter Oktopus am Strand der Bezymyannaya Bucht.

(Foto: Anna Strelchenko via www.imago-images.de/imago images/ITAR-TASS)

In Kamtschatka, in Russlands fernem Osten, bedecken tote Meerestiere ganze Strände. Und keiner weiß, was die "ökologische Katastrophe" verursacht.

Von Silke Bigalke, Moskau

Tote Fische, Seeigel, Krabben und andere Meerestiere, die zu Hunderten an Land gespült werden. Fotos und Videos zeigen, wie sie ganze Strände bedecken, als wären dort riesige Fischernetze voller Beifang ausgeschüttet worden. Auch verendete Oktopusse und Robben sind auf den Bildern zu sehen. Die Umweltorganisation Greenpeace spricht von einer "ökologischen Katastrophe" in Kamtschatka, in Russlands fernem Osten. Die Ursachen jedoch sind ungeklärt, denn es gibt bislang keine Berichte über ein Unglück, bei dem Öl oder andere Chemikalien ins Wasser gelaufen sein könnten.

Ausgerechnet der bekannte Chalaktyrskij-Strand im Süden der großen Halbinsel scheint besonders betroffen zu sein. Er ist bei Surfern wegen seiner hohen Wellen und bei Touristen wegen seines schwarzen Sandes beliebt. Bereits vor drei Wochen klagten die ersten Surfer dort über brennende Augen und Halsschmerzen, nachdem sie im Wasser waren. "Das klarste Wasser am Strand von Сhalaktyr ist für Menschen und höchstwahrscheinlich für Meerestiere gefährlich geworden", schrieb vor einigen Tagen Ekaterina Dyba, eine Geografin, die dort in eine Surfschule arbeitet, auf Facebook. Außer Augen- und Halsschmerzen empfanden einige Betroffenen "Übelkeit, Schwäche und hohe Temperatur", schrieb sie. Anderen Augenzeugen zufolge hatte sich die Farbe des Wassers verändert, Fotos zeigen es gelblich.

Level an Ölprodukten im Wasser um ein Vierfaches erhöht

Das Gesundheitsministerium der Region erklärte, dass bereits vor etwa zwei Wochen neun Patienten zum Arzt mussten, die über einen Schleier vor den Augen klagten, Rötungen und Brennen. Sie waren mit verschmutzendem Wasser am Chalaktyrskij-Strand in Berührung gekommen. Bei ihnen wurden "chemische Verbrennungen der Hornhaut ersten Grades" festgestellt, sie konnten aber nach ambulanter Behandlung nach Hause gehen.

Bereits als die ersten Probleme bekannt wurden, hätten die Behörden Proben am Strand entnehmen lassen, hieß es auf der Internetseite des zuständigen Ministeriums für Naturressourcen und Ökologie der Region Kamtschatka. Das Level an Ölprodukten im Wasser war demzufolge beinahe um ein Vierfaches erhöht, das Vorkommen von Phenol um das 2,5-fache. "Dies ist eine abnormale Situation, aber gleichzeitig konnten diese Überschüsse keine schwerwiegenden Umweltfolgen haben", sagte der zuständige Minister Aleksej Kumarkow.

Umweltschützer tippen auf Chemikalien

Was also ist schuld am Massensterben der Meerestiere? Zu den Szenarien, die nun "durchgearbeitete wurden", gehört dem Gouverneur der Region zufolge auch das einer "technogenen Verschmutzung, die mit die mit menschlichen Aktivitäten, mit Verschüttung irgendwelcher Substanzen verbunden ist." Laut Gouverneur Wladimir Solodow ist das aber nur eine der Möglichkeiten. Es könnten auch natürliche Phänomene wie Algen, die ein Sturm an die Küste gespült haben könnte, oder seismische Aktivität, also Vulkane schuld sein, sagte er am Freitag. Inzwischen wurden 250 Kilogramm Proben mit Wasser, Sand und Mikroorganismen zur Untersuchung nach Moskau gebracht, um die Ursachen zu finden.

Auch im Internet kursieren verschiedene Theorien darüber, was geschehen sein könnte. Die russische Nachrichtenagentur Tass etwa zitiert eine anonyme Quelle, dass Öl aus einem kommerziellen Tanker vor der Küste gelaufen sein. Einige Umweltschützer tippen eher auf Chemikalien, die möglicherweise durch einen Fluss nahe des Chalaktyrskij-Strands ins Meer gelangt seien.

© SZ/nas/ick
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