Lufthansa-Chef Carsten Spohr:"Das passt in keine Schublade"

Wenige Stunden nach dem Absturz tritt Spohr im Lufthansa Airport Center, der futuristischen Hauptverwaltung der Airline am Frankfurter Flughafen, das erste Mal vor die Presse. Er trägt einen dunklen Anzug und eine schwarze Krawatte. Eine schwarze Krawatte trägt er seither jeden Tag. Spohr ist normalerweise ein fröhlicher, leutseliger Mensch, der auf andere zugeht. Der scherzt und lacht. Ein jovialer Typ. Nun sagt er: "Wir sind hier alle zutiefst erschüttert und bestürzt." Er senkt den Blick zum Boden, seine Stimme ist brüchig. Man merkt ihm das Entsetzen an, und dabei war da das ganze Ausmaß der Tragödie noch gar nicht bekannt.

Nur wenige Stunden später fliegt er zusammen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verkehrsminister Alexander Dobrindt an die Unfallstelle in den französischen Alpen, schaut das Grauen von oben aus dem Hubschrauber an. "Das ist das mit Abstand Schlimmste der vergangenen 20 Jahre, seit ich in dieser Branche bin", sagt er am Abend, unmittelbar nach seiner Rückkehr, in den "Tagesthemen" der ARD.

Wie viele andere Topmanager hat Spohr sicherlich ein Training für Krisensituationen absolviert. Aber diese Krise hier ist ohne Beispiel, so etwas kann nicht geübt werden. "Das passt in keine Schublade", meint ein erfahrener Kommunikator, der ihn berät. Man habe Spohr nicht drängen müssen, sondern es sei ihm klar gewesen, dass er nun in die Öffentlichkeit müsse, heißt es. Er absolviert die Auftritte ohne ausführliche Manuskripte, spricht meist frei.

Am Mittwoch geht es weiter im Krisenmodus. Spohr erlebt zunächst zusammen mit seinen Mitarbeitern in Frankfurt die konzernweite Schweigeminute. Dann macht er sich auf nach Düsseldorf, wo er mit Germanwings-Chef Thomas Winkelmann Angehörige der Opfer besucht. Anschließend fliegt er nach Barcelona, um auch dort trauernde Familien zu treffen.

Am Donnerstag muss Spohr in Köln in der Zentrale von Germanwings erklären, was passiert ist - erst den Mitarbeitern, dann der Öffentlichkeit. "Wir stehen vor einem riesigen Rätsel", sagt er. Es sei eine Tragödie, die man sich in den schlimmsten Albträumen nicht vorstellen könne. Er stellt sich auch in dieser schwierigen Stunde demonstrativ vor die Piloten, mit denen er seit Monaten über deren Altersvorsorge streitet: "Es sind die besten der Welt." Er schließt die Pressekonferenz mit den Worten: "Dass das gerade uns passiert, das tut uns einfach nur leid."

Tage im Ausnahmezustand

Am späten Donnerstagabend ist er erneut für ein Live-Interview in den "Tagesthemen" zugeschaltet. Zwei Tage zuvor, sagt Moderatorin Caren Miosga zur Begrüßung, habe Spohr gesagt, dies sei der schwärzeste Tag in der Geschichte der Lufthansa. Und was sei das nun heute, will sie von ihm wissen. Spohr macht eine kleine Pause. Dann redet er nicht über sein Unternehmen, sondern zunächst darüber, wie sehr ihn das Leid der Angehörigen bewegt.

Es sind Stunden und Tage im Ausnahmezustand. Und noch - jedenfalls bis zum Freitag - hat Spohr nach Ansicht von Kommunikationsexperten keinen Fehler gemacht. Noch hat er sich nicht in Widersprüche verheddert. Noch hat er keine Aussagen, die er gemacht hat, revidieren müssen. Aber wie lange hält er das durch? Wann macht auch er einen Fehler?

Training für Krisensituationen

Viele Topmanager haben ein Training für Krisensituationen absolviert. Aber die Krise bei der Lufthansa ist ohne Beispiel, so etwas kann nicht geübt werden. "Das passt in keine Schublade", meint ein erfahrener Kommunikator. Man habe Spohr nicht drängen müssen, es sei ihm klar gewesen, dass er nun in die Öffentlichkeit müsse. Er absolviert die Auftritte ohne ausführliche Manuskripte, spricht meist frei.

Zu Hilfe kommt Spohr seine jugendliche und offene Art. Er sei ein "natürlicher Kommunikator", meint dazu einer, der in diesen Tagen dabei ist. Und einer, der es nicht so gut mit Spohr meint, mäkelt leicht genervt, dass der Lufthansa-Chef in den vergangenen Wochen auch nach dem zwölften Pilotenstreik noch gute Laune verbreitet habe. Seit dem Flug 4U 9525 ist das allerdings vorbei.

Spohr, der Sohn eines Bauingenieurs und selbst Wirtschaftsingenieur, ist ein zielstrebiger, ehrgeiziger Manager. Er hat im Jahr 1994 gleich nach einem Einser-Examen bei der Lufthansa angeheuert und schon früh einen Traum gehabt: Eines Tages wollte er ganz oben an der Spitze stehen. Er machte Karriere, war als Vorstand nacheinander für die beiden Kernbereiche Cargo- und Passagiergeschäft zuständig.

Als Lufthansa-Chef Christoph Franz im Herbst 2013 überraschend seinen Wechsel zum Schweizer Pharmakonzern Roche ankündigte, war die große Chance gekommen: Spohr galt sofort als einer der aussichtsreichen Kandidaten. Und er selbst hielt sich fraglos für den Richtigen. Doch im Aufsichtsrat hatten sie so ihre Zweifel, ein halbes Jahr wurde debattiert, wurden andere, externe Kandidaten gesichtet. Erst dann machte Spohr das Rennen: Ein Start mit Hindernissen - und auch sein erstes Jahr im Amt war voller Hindernisse.

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