René Descartes Der mysteriöse Tod des großen Philosophen

René Descartes unterrichtete ab Oktober 1649 die schwedische Königin Christina in Philosophie. Die Radikalität seines Denkens hat die junge Monarchin schwer beeindruckt.

(Foto: Leemage/imago)

René Descartes starb 1650 plötzlich in Schweden. Wurde der Franzose mit Arsen vergiftet? Das behaupten manche - und verweisen auf eine angebliche Geheimbotschaft.

Von Florian Goldmann

Mürrisch trifft René Descartes im Oktober 1649 in Stockholm ein. Königin Christina hat gerufen: Seine Schriften seien fabelhaft, er möge ihr Philosophie beibringen.

Doch Reisen sind nicht die Sache des 53-Jährigen. Frühere Versuche, ihn für Privataudienzen nach Schweden zu holen, hat der Franzose abgelehnt. Nun lockt aber das Geld, das er dringend braucht. Doch es kommt nur zu wenigen Sitzungen: Descartes stirbt plötzlich, im Februar 1650. Lungenentzündung, wie das Königshaus sofort vermeldet. Einige hingegen munkeln sogleich, er sei vergiftet worden.

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Bis heute wird über den Tod des Denkers gestritten. Das wichtigste Dokument stammt von Christinas Leibarzt, dem Niederländer Johann van Wullen. In seinem Bericht über die Todesursache, den er in Descartes' Wahlheimat, die Niederlande, schickte, versteckte er eine Geheimbotschaft. Das behaupten Verfechter der Mordtheorie, die glauben, van Wullen habe die hoheitliche Zensur überlisten wollen. Den Brief musste er der Majestät schließlich zur Durchsicht vorlegen.

Unnötig wortreich habe van Wullen den Verlauf jener Lungenentzündung geschildert, die eine für Mediziner alltägliche, gut erforschte Krankheit war: Descartes wollte weder essen noch trinken, konnte nicht schlafen, litt bald unter Fieber, Atembeschwerden und "schwarzem Speichelauswurf".

In den Niederlanden habe man über van Wullens Äußerungen jedoch gestaunt. Seine Worte wollten einfach nicht ins Bild einer Lungenentzündung passen, glichen hingegen exakt den Symptomen einer Arsenvergiftung. Tod durch Mord sei das Geheimnis gewesen, codiert durch den Inhalt selbst. Der Aufschrei indes blieb aus, man konnte das Gift im Körper damals ohnehin nicht nachweisen.

Der Langschläfer musste frühmorgens antreten

Biografen bezweifelten meistens die Beweiskraft des Briefes. Es gebe gute Gründe für die offizielle Version des Todes. So lachhaft es klingt, doch womöglich starb Descartes, weil die Königin ihre Privataudienzen zu äußerst früher Stunde abhalten musste. Um fünf Uhr morgens schon wurde der Gast am Hof erwartet. Morgendliche Körperpflege und Kostümieren eingerechnet, dürfte er noch vor vier Uhr senkrecht gestanden haben.

Descartes aber war ein so passionierter und gewiefter Langschläfer, dass er sich bereits zu Internatszeiten das Recht erstritt, bis mittags im Bett dösen zu dürfen. Hinzu kam die Eiseskälte, viele Innenräume waren schlecht geheizt und zum Schloss musste der Franzose durch den schwedischen Winter stapfen. Den französischen Botschafter, auf dessen Kontakt hin Descartes in Stockholm unterkam, hatte es kurz zuvor erwischt. Lungenentzündungen waren nicht ungewöhnlich.

Jenen, die auf Mord plädieren, scheint das zu einfach - mit Sicherheit auch, weil sie von der Gemengelage möglicher Motive, die bis in den Vatikan reichen, fasziniert sind.

Natürlich muss man fragen, wer Interesse an einem Europa der Glaubenslehre und Gelehrsamkeit gehabt haben könnte, in der eine Geistesgröße plötzlich fehlt: René Descartes, Erneuerer des europäischen Denkens und gefürchtet für seine Zweifel an überkommenem Gedankengut.

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"Ich denke, also bin ich", lautet seine berühmte Konsequenz, mit ihr im Gepäck schlug er auch in Stockholm auf. Die junge Königin plante derweil, aus ihrem Reich ein Arkadien der Künste und Wissenschaften zu machen.

Viele Intellektuelle gingen bei ihr ein und aus. Descartes war in diesen Tagen eine wichtige, doch nicht allseits verstandene Gestalt. In Fachkreisen waren seine Werke umstritten, bei Theologen fielen sie durch. Königin Christina jedenfalls hat die Radikalität seines Denkens schwer beeindruckt.

Das Problem: Descartes war in Religionsfragen ein heikler Kopf. Viele befürchteten, die 24-jährige, die ihres Vaters Thron im Kindesalter geerbt hatte, könnte aufgrund seiner Lehren vom Protestantismus in den Unglauben stürzen.

Allein eine Hinwendung zum Katholizismus wäre fataler gewesen - genau das bahnte sich an. Christina liebäugelte schon mit Konversion, da versuchten zwei römische Gesandte gar, sie zu bekehren. Das ganze Land hätte ihr folgen und sich der Gegenreformation preisgeben müssen. Ein Schock. Ihr Vater Gustav II. Adolf war ein heroischer Kämpfer des Protestantismus gewesen.

Der Franzose lästerte gerne über die Kollegen

Descartes, ins Nachbeben des Dreißigjährigen Krieges hineingeraten, wusste nicht recht, wie ihm geschah. Kurze Zeit nach der Ankunft in Stockholm hatte man ihn nach nur zwei Treffen mit Christina in Warteposition geschickt. Die Königin musste diplomatischen Pflichten nachkommen.

Erst im Januar hatte sie Zeit für Metaphysik. Unterdessen wartete ihr Hofstaat weniger mit fruchtbaren Gesprächen auf als mit Neidern und Konkurrenten, denen weder Descartes' Status im Königshaus noch seine Anschauungen behagten. Unschuldig wird er an Missgunst nicht gewesen sein, immerhin erging er sich gleich zu Anfang und vor Christinas Ohren in Lästereien und Spott über das veraltete Denken der Kollegen.

Folglich sieht es so aus, als hätten überall Feinde gelauert: etwa ein Schwede, dem sein Patriotismus jede Moral hätte vernebeln können, ein Philosoph in Sorge um seine mühsam gerafften Gedankenschätze oder ein Theologe, dem Glaubensskepsis zuwider war.

Es gibt Hinweise, dass Descartes geahnt hat, Opfer eines Giftanschlags geworden zu sein. Schon geschwächt habe er, der medizinisch Kundige, nach einem Brechmittel gerufen - keine Gegenmaßnahme bei entzündeten Lungenflügeln. Doch alle Hilfe kam zu spät. Von bösen Geistern heimgesucht, traute Descartes selbst dem Leibarzt Johann van Wullen nicht mehr über den Weg, der seine Not vielleicht als Einziger verstanden hat.

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