Mysteriöser Mord in Hollywood Wer erschoss W. D. Taylor?

Der "Hollywood"-Schriftzug in seinem Ur-Zustand - errichtet im Jahr nach Taylors Tod.

(Foto: imago/UIG)

1922 wird ein vergnügungssüchtiger Hollywood-Regisseur tot aufgefunden. Der Mordfall fesselt die Menschen über Jahrzehnte - dank bizarrer Theorien.

Von Fritz Göttler

Eine geschäftige Betriebsamkeit herrscht im Bungalow an der Alvaro Street in Los Angeles, so wie man es auf einem Hollywood-Filmset erwarten darf. Überall am Schauplatz wird kräftig nachgebessert.

Der Butler spült Geschirr in der Küche, säubert es von verdächtigen Spuren. Studioverantwortliche verbrennen dubiose Papiere im Kamin. Die Schauspielerin Mabel Normand sucht an allen Ecken und Enden das Bündel mit den Liebesbriefen, die sie dem Hausherrn geschickt hat.

Es ist aber gar kein ordentlicher Filmset, sondern nur der echte Bungalow des sehr erfolgreichen und immens vergnügungssüchtigen Regisseurs William Desmond Taylor. Und der Hausherr liegt tot mitten im Salon. Schließlich hat auch die Polizei ihren Auftritt. Ein Arzt konstatiert als Todesursache ein durchgebrochenes Magengeschwür.

Als die Bestatter die Leiche aufheben, wird eine Blutlache unter ihr sichtbar, und ein Einschussloch im Rücken des Toten. Ein Mord also! Skandal, Spekulation, schon wieder: Hollywood Babylon. Es ist der Morgen des 1. Februar 1922.

Bis heute ist der Taylor-Mord nicht wirklich geklärt, der Täter nicht definitiv benannt. Aber der mysteriöse Todesfall hielt die Fantasie der Menschen jahrzehntelang gefangen, es gibt inzwischen mehrere Bücher dazu, 1985 wurde sogar eine eigene Zeitschrift gegründet, Taylorology.

Ein rücksichtsloser Konkurrenzkampf

"The show must go on", das ist das Motto in Hollywood, der rastlosen Traumfabrik, die Show auf der Leinwand natürlich, aber auch die jenseits von ihr. Kenneth Anger hat all diese irren Ereignisse und Entartungen in seinem legendären Buch "Hollywood Babylon" gesammelt, eine Chronik der Illusionen und Skandale, eine schonungslose Psychopathologie des Hollywoodalltags.

Nur wenige Wochen vor dem Taylor-Mord, im Januar 1922, ging der Fatty-Arbuckle-Prozess über die Bühne - der beliebte Slapstick-Star hatte angeblich eine junge Frau mit einer Colaflasche vergewaltigt und zu Tode gebracht.

Die Filmindustrie war damals in Hollywood auf dem großen Sprung. Das Kino der Frühzeit war ein rasantes Start-up-Unternehmen gewesen, in dem ein paar Leuten mit wilden Einfällen und flotten Drehs schnelles Geld machten - verrückte Zwei- oder Dreiakter, pöbelhaft und prollig, Slapstick-Orgien und scharfe Melodramen. Ein rücksichtsloser Konkurrenzkampf, aber auch ein fröhlicher Kapitalismus, im Marktschreier-Stil, manchmal an der Schmerzgrenze.

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Nun aber wollte man seriös werden, suchte neues Publikum, das gehobene Bürgertum. Eine neue Gediegenheit und Eleganz erstrahlten auf der Leinwand, sophistication statt Slapstick. Im Herzen aber flackerte weiter die alte Anarchie. Und Lust an der Perversion.

Der tote William Desmond Taylor war ein exemplarischer Neu-Hollywoodianer gewesen, aufrecht und charmant, ein erfolgreicher Meister des delikaten neuen Kinos, der Tom Sawyer und Huck Finn verfilmt und viel mit Mary Pickford gedreht hatte, zudem Chef der Regisseursvereinigung. Eine besondere Beziehung hatte er zu Mabel Normand, dem erfolgreichen Slapstick-Star (die oft mit Fatty Arbuckle gespielt hatte).

Sie soll die Letzte gewesen sein, die ihn lebend sah am Vorabend - sie hatte zwei Bücher bei ihm geholt, über Nietzsches "Zarathustra" und Freuds "Traumdeutung". Außerdem war sie kokainsüchtig: "Drug Crazed Film Queen Is Murder Suspect" titelte deshalb in den Achtzigern noch Taylorology. Oder sollte das Gegenteil zutreffen, hatte Taylor sie von dieser Sucht abbringen wollen und war dafür von einem Killer des zickigen Kokaindealers getötet worden?

Pornofotos und eine Love-Story

Man fand Pornofotos im Bungalow, Schlüssel, die zu keinem Schloss im Haus passten, Damenunterwäsche, der Schilder mit Initialen und Daten angeheftet waren. Ein Angestellter Taylors war kürzlich verschwunden, unter Mitnahme einiger Wertgegenstände - war er überraschend zurückgekommen?

Und am Tag, da man ihn tot fand, sollte Taylor wohl als Zeuge aussagen in einer delikaten Affäre - sein Butler Henry Peavey war verhaftet worden, als er in einem Park junge Burschen angemacht hatte. Es gab gar Gerüchte, der notorische Teufelsanbeter Aleister Crowley sei in die Geschichte verwickelt.

Natürlich steckte auch eine Lovestory in dem mysteriösen Fall, zwischen dem fast fünfzigjährigen Regisseur und seinem Star, der mehr als jungen Mary Miles Minter, mit der er Filme gedreht hatte wie "Judy of Rogue's Harbor" oder "Nurse Marjorie". Marys Mutter war ein Musterexemplar von Showbusiness-Mutter, eifrig darauf bedacht, für ihre Tochter Top-Verträge auszuhandeln, aber auch energisch, wenn es darum ging, deren Reinheit zu bewahren. War William Desmond Taylor ihr zu weit gegangen?

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Rache der Maschinenmenschen

Moralwächter begannen, sich Sorgen zu machen um Hollywoods Ruf, also wurde der Fall Taylor nicht wirklich rigoros untersucht. Zumal man entdeckte, dass der Tote eine eher zweifelhafte Vergangenheit besaß, als Goldsucher und Nachtportier, und auch gar nicht wirklich Taylor hieß.

Einer, der es dann doch noch mal genau wissen wollte, war schließlich einer der Kollegen des Toten: King Vidor, der sich in den Zwanzigern gleichfalls als erfolgreicher Filmemacher etabliert hatte und bis in die Fünfziger hinein viele Erfolgsfilme drehte.

Er wollte 1967 einen Film aus dem Fall machen, recherchierte gründlich - und schloss das Projekt dann weg, weil noch zu viele lebten, die darin verwickelt gewesen waren. Nach seinem Tod 1982 fand man das Material in einer Schatulle in einer Garage auf Vidors Grundstück.

Der Journalist Sidney D. Kirkpatrick hat das Material 1986 in einem Buch präsentiert, "A Cast of Killers". Und siehe da, King Vidor hatte keinen Zweifel: Die Mutter war die Mörderin.

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