Brandanschlag in Ratingen:"Da ist einer drin!"

Brandanschlag in Ratingen: Der Angeklagte sitzt im Gerichtssaal neben seinem Anwalt Frank Schubert.

Der Angeklagte sitzt im Gerichtssaal neben seinem Anwalt Frank Schubert.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Im Mai soll Frank Alfred P. neun Einsatzkräfte mit Benzin überschüttet und angezündet haben. Bei Prozessbeginn schweigt der Angeklagte - aber ein Opfer redet.

Von Christian Wernicke, Düsseldorf

Das Unfassbare lebt wieder auf in Saal E 116, auf zwei Leinwänden. Rainer Drees, Vorsitzender Richter am Landgericht Düsseldorf, hat die Opfer des fürchterlichen Brandanschlags vom 11. Mai in Ratingen eben noch gewarnt vor den Bildern, die kommen werden: Ob jemand lieber hinausgehen wolle? Alle bleiben.

Das Video beginnt. Unscharf zu erkennen sind die aufgestapelten grünen Kisten mit Wasserflaschen, die die Wohnungstür versperrt haben. Die Kamera eines Polizisten schwenkt vom Bad hinüber zum Flur: dunkle Möbel, ein Lichtschimmer. Am Ende des Ganges sind kleine Flammen auszumachen. Eine Frauenstimme ruft: "Das ist einer drin ..." Schnitt - das Video, zusammengestellt aus Aufnahmen von drei Bodycams der Einsatzkräfte, wechselt die Perspektive. Eine Polizistin tritt ins Bild, plötzlich wird sie von rechts mit einem Schwall klarer, glitzernder Flüssigkeit überschüttet - Benzin. Sie weicht zurück, zu spät: Schemenhaft ist zu erkennen, wie ein Lappen durch die Luft fliegt. Ein, zwei Sekunden ist dann noch die orangerote Feuerwalze zu erkennen, die durch die Wohnung jagt. Ende.

Es ist still in Saal E 116, nur langsam wenden die anwesenden Opfer, die Staatsanwältin und der Verteidiger ihre Blicke wieder ab von der Leinwand. Auch Frank Alfred P., der mutmaßliche Täter, bewegt sich. Der 57-jährige Rentner mit wirren grauen Haaren und Zauselbart legt die rechte Hand an seinen Hals. Starrt vor sich hin und schweigt.

Knapp eineinhalb Stunden ist es her, da hatte Richter Drees den Mann im dunkelblauen Sweatshirt aufgefordert, sich zur Anklage zu äußern. P. verweigerte die Aussage.

Hat P. an Verschwörungsmythen geglaubt?

So bleibt auch an diesem Morgen die einzige Frage unbeantwortet, die in diesem Prozess um neunfach versuchten Mord, schwerste Körperverletzung und Brandstiftung noch offen zu sein scheint: Was nur trieb Frank Alfred P. dazu, neun Menschen mit vier bis sechs Litern Treibstoff zu überschütten und anzuzünden? Seit sechseinhalb Monaten verweigert P. jede Aussage. Die Ermittler stießen nach dem 11. Mai in seiner Wohnung und auf dem Handy auf Hinweise, P. habe allerlei Verschwörungsmythen verfolgt. Und angeblich Kontakte ins Reichsbürger-Milieu gehabt. Aber mehr als Spuren und Indizien fanden Polizei und Staatsanwaltschaft nicht. Am Freitag verweigerte P. dem Gericht eine Geste des Respekts - und blieb zu Prozessbeginn sitzen.

Im Großen und Ganzen scheint die Beweislage in seinem Fall erdrückend zu sein. Frank Alfred P. galt als Sonderling im Hochhaus an der Berliner Straße in Ratingen-West, einem Neubaugebiet aus den 70er-Jahren. Der erste Zeuge im Prozess, der 30-jährige Polizist G., der am 11. Mai mit seiner 25-jährigen Kollegin in die Wohnung im zehnten Stock eindrang, erzählt am Freitag, dass ein Nachbar regelrecht "Angst" gehabt habe vor P.: "Der ist irre!", habe ihm der Anwohner gesagt.

Am späten Vormittag des 11. Mai, einem Donnerstag, hatte die Hausverwaltung des Wohnblocks Alarm geschlagen. P. und seine greise Mutter waren seit Wochen nicht mehr gesehen worden, der Briefkasten quoll über. Gegen P. lag ein Erzwingungshaftbefehl vor, er hatte Geldstrafen wegen leichter Körperverletzung nicht bezahlt. Zwei Polizisten, vier Feuerwehrleute und drei Rettungskräfte rückten aus. Sie klingeln. Sofort habe er "einen starken Verwesungsgeruch" wahrgenommen, berichtet Polizist G. vor Gericht. Er und seine Kollegen vermuten einen Suizid. Stunden später, nachdem ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung gestürmt und P. festgenommen hat, wird sich herausstellen: P. hatte seine wohl schon Wochen zuvor verstorbene Mutter im Rollstuhl verwesen lassen.

P. habe, so der Kern der Anklage am Freitag, die Einsatzkräfte am 11. Mai regelrecht in eine Feuerfalle gelockt. "Ich habe meine Kollegin im Vollbrand gesehen", sagt Polizist G. am Freitag. Die Flammen verletzten alle neun Helfer, sieben lagen tage- und wochenlang im Koma, die junge Polizistin wachte erst nach drei Monaten wieder auf. Alle kämpfen sich seither zurück ins Leben.

Auch G. rang mit dem Tod: "Es war lange dunkel." Er erlitt schwere Verbrennungen, seine Lunge war voller Ruß: "Die Kraft zum Reden muss man sich erst mal wieder erobern." Bis heute plagen G. die Narben und ein ständiger Juckreiz unter der Haut. Und die Erinnerungen an die Bilder: "Man muss sich wieder neu finden, weil man wirklich bei null wieder anfängt."

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