Prozess gegen Raser Ist nicht jedes illegale Autorennen ein Mordversuch?

  • Rund zweieinhalb Jahre nach einem tödlichen Autoraserfall in Berlin beginnt am Dienstag ein neuer Prozess gegen die beiden mittlerweile 26 und 29 Jahre alten Angeklagten.
  • Die Männer rasten Anfang Februar 2016 mit Geschwindigkeiten von bis zu 170 km/h nachts über den Kurfürstendamm und über mehrere rote Ampeln.
  • An einer Kreuzung krachte einer der beiden in den Wagen eines 69-Jährigen, dessen Ampel auf Grün stand. Der Mann starb noch am Unfallort.
Von Verena Mayer, Berlin

Zwei Söhne haben keinen Vater mehr. Der 69-Jährige starb, als er mit dem Auto auf dem Kurfürstendamm unterwegs war. Als er mit seinem Jeep bei Grün in eine Kreuzung einbog und plötzlich von einem Audi A6 Quattro gerammt wurde, der sich mit einem Mercedes CLA ein nächtliches Straßenrennen lieferte und mit 160 Kilometern pro Stunde über mehrere rote Ampeln raste. Der Jeep überschlug sich und wurde sechzig Meter über die Straße geschleudert, der Rentner war sofort tot.

Einer der Söhne, der 37-jährige Maximilian W., steht jetzt auf dem Flur des Berliner Kriminalgerichts und spricht in die Fernsehkameras. Die Tat kann er nicht ungeschehen machen. Aber er will zumindest, dass sie ein gesellschaftspolitisches Signal setzt. Und dass die beiden Autoraser, die für den Tod seines Vaters verantwortlich sind, die höchste Strafe bekommen, die das deutsche Gesetz vorsieht: lebenslange Haft wegen Mordes. Denn wer mit einer solchen Geschwindigkeit durch die Innenstadt rase, der nehme den Tod anderer in Kauf.

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Das Berliner Landgericht sah das genau so. Im Februar 2017 verurteilte es die beiden Fahrer wegen gemeinschaftlichen Mordes, es war das erste Mal in der deutschen Rechtsgeschichte, dass ein Raser-Fall als vorsätzliche Tötung eingestuft wurde. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil Anfang diesen Jahres auf, da das Gericht nicht ausreichend belegt habe, ob die beiden tatsächlich mit einem Vorsatz handelten und nicht grob fahrlässig. Seit Dienstag muss der Prozess vor dem Berliner Landgericht nun neu aufgerollt werden.

Der Verhandlungstag beginnt erst einmal mit einem stundenlangen Befangenheitsantrag der Verteidigung, in dem das Thema Autorasen fast rechtsphilosophisch abgearbeitet wird. Handeln Raser, die sich irgendwo ein Wettrennen liefern, wirklich gemeinschaftlich? Kann man als Autofahrer überhaupt den Tod eines anderen in Kauf nehmen, wenn man sich selbst dabei in Lebensgefahr bringt? Und wäre dann nicht jedes illegale Autorennen ein Mordversuch?

Der Vorsitzende Richter vertagt die Entscheidung und widmet sich den beiden Angeklagten. Hamdi H., 29, sagt, er sei aus dem Kosovo und arbeitslos. Marvin N., 26, war eine Zeit lang Berufssoldat bei der Bundeswehr, danach hat er bei einer Sicherheitsfirma gejobbt. Die beiden hatten keine Perspektive, aber sie hatten ihre Autos. Mit denen rasten sie nächtelang durch die Straßen, filmten sich dabei und schrien "Wir ficken die Straße und die Scheißwelt, in der wir leben". In jener Nacht sollen sich die beiden, die sich flüchtig kannten, an einer Ampel zu einem sogenannten Stechen verabredet haben. Marvin N., der eine Freundin dabei hatte, blieb an den ersten beiden roten Ampeln noch stehen, dann raste auch er los. "Um sich Selbstbestätigung zu sichern", sagt der Staatsanwalt.

Sagen wollen die beiden nichts. Sie sitzen seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft und wurden auch nach dem Beschluss des BGH nicht auf freien Fuß gesetzt, da die Richter am Landgericht es für möglich halten, dass die beiden ein zweites Mal wegen Mordes verurteilt werden. Mit starren Gesichtern sitzen Hamdi H. und Marvin N. nun auf der Anklagebank und versuchen den Blicken von der Bank gegenüber auszuweichen.

Dort sitzt der Sohn des getöteten Rentners, der noch immer nach Antworten sucht. Warum sein Vater sterben musste. Später auf dem Flur sagt er, dass er noch immer stark emotional betroffen sei, sich gesellschaftspolitisch aber auch einiges getan habe. Es gibt jetzt ein Gesetz, das Haftstrafen für Fahrer vorsieht, die an illegalen Rennen teilnehmen, bis zu zehn Jahre können sie betragen, wenn dabei jemand stirbt. Und in vielen Städten gibt es immer wieder groß angelegte Kontrollaktionen gegen Raser. "Es fängt alles klein an, aber der Fall wird Auswirkungen haben." Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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