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Plädoyers im Mordprozess gegen Oscar Pistorius:Unfall oder Mord?

Oscar Pistorius

Das Urteil gegen Oscar Pistorius wird für Ende des Monats erwartet (Archivbild vom 6. Mai).

(Foto: AFP)

39 Tage lang wurde der Tod von Reeva Steenkamp vor Gericht verhandelt. Hat ihr Freund Oscar Pistorius sie im Streit erschossen? Oder war er in Panik und gab die Schüsse aus Versehen ab? Mit den Plädoyers nähert sich der Prozess gegen den südafrikanischen Sportler seinem Ende.

Der einzige unmittelbare Zeuge im Prozess gegen Oscar Pistorius ist Oscar Pistorius selbst. Pistorius sagt, er habe in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 2013 seine damalige Freundin Reeva Steenkamp versehentlich und in Panik erschossen, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor - er habe Steenkamp im Streit erschossen. Wenn heute in Pretoria die Abschlussplädoyers beginnen, lautet die zentrale Frage noch immer: Welche Variante stimmt?

Weder die Aussagen von 36 Zeugen, noch die Schilderungen des Angeklagten, der an sieben Tagen selbst in den Zeugenstand trat und dort von Staatsanwalt Gerrie Nel scharf ins Kreuzverhör genommen wurde, konnten diese Frage auch nur annähernd beantworten. Zwar gab es Nachbarn, die von einem Streit in Pistorius' Haus berichteten, es gab einen Gerichtsmediziner, der Zweifel an der Version vom Versehen stärkte. Aber es gab auch Gutachter, die für wahrscheinlich erklärten, dass der beidseitig beinamputierte Sportler in Panik verfiel und es wurde im Prozess eine Valentinskarte präsentiert, die das Bild der glücklichen Beziehung belegen sollte.

Zwischenzeitlich stand zwischen Versehen und Mord plötzlich eine dritte Möglichkeit im Gerichtssaal, wie das Verfahren ausgehen könnte: Freispruch wegen Unzurechnungsfähigkeit. In einer spektakulären Wende hatte die Psychiaterin Merryl Vorster während ihrer Aussage im Prozess eine "generelle Angststörung" attestiert. Dass die Angst des 27-Jährigen vor Kriminellen tief sitzt, dass sie mitunter an Paranoia grenzt, war im Verlauf des Prozesses immer wieder deutlich geworden.

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Aber war Pistorius am Ende nicht nur ein wenig paranoid, sondern krank? So krank, dass er für seine Tat womöglich gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann? Richterin Thokozile Masipa ordnete eine zusätzliche Begutachtung des Angeklagten an und unterbrach den Prozess. 30 Tage lang war Pistorius ambulanter Patient des Weskoppies Psychiatric Hospital von Pretoria, 30 Tage lang wurde seine Schuldfähigkeit geprüft, bis feststand: Oscar Pistorius ist nicht psychisch krank.

Und so scheint nach 39 Verhandlungstagen vor dem Gauteng High Court ungewiss, wie der Prozess gegen Südafrikas einstiges Nationalsymbol enden wird. Es liegt nun allein an Richterin Masipa zu entscheiden. Zur Vorbereitung auf die Plädoyers - den Anfang macht an diesem Donnerstag Staatsanwalt Nel, bevor am Freitag Verteidiger Barry Roux das Wort erhalten soll - ließen beide Parteien Masipa in den vergangenen Tagen schriftliche Zusammenfassungen ihrer Sicht der Beweislage zukommen.

Über weite Strecken angespannt

Der Angeklagte hat sich nach Einschätzung des südafrikanischen Prozessbeobachters Ulrich Roux mit seinen Äußerungen keinen Gefallen getan. "Er hat sich widersprochen, sich sehr empfindlich gezeigt und hatte ein sehr selektives Gedächtnis", sagt der Jurist. "Er hat es dem Gericht nahezu unmöglich gemacht, seine Version zu akzeptieren." Über weite Strecken des Prozesses wirke Pistorius emotional äußerst angespannt und labil. Immer wieder brach er weinend zusammen oder musste sich bei der Schilderung von Details der Tatnacht übergeben.

Dazu mag so gar nicht passen, dass der Sprinter, der gegen Kaution in Freiheit ist, im Juli mit einer Rangelei in einem Nachtclub für Schlagzeilen sorgte. Seine Familie machte Stress durch den monatelangen Prozess sowie ein "zunehmendes Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung" für den Zwischenfall verantwortlich.

Oscar Pistorius 18 Monate Wahrheitsfindung
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Am Abend des 13. Februar 2013 kommt Reeva Steenkamp zu ihrem Freund Oscar Pistorius nach Hause - dann fallen vier Schüsse. Eineinhalb Jahre später neigt sich der Mordprozess gegen den Athleten dem Ende zu. Ihm drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis. Eine Chronologie.

Spricht Richterin Masipa den Sportler schuldig, Steenkamp ermordet zu haben, wird es um Pistorius noch einsamer werden; dieses Kapitalverbrechen wird in Südafrika mit bis zu 25 Jahren Gefängnis geahndet. Lautet das Urteil allerdings auf fahrlässige Tötung, könnte Pistorius mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Nach den Plädoyers heute und am Freitag wird der Prozess erneut unterbrochen, Masipas Entscheidung wird für Ende August erwartet.