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Fünf tote Kinder in Solingen:Wie konnte das geschehen?

Fünf tote Kinder in Solingen gefunden

Trauer in Solingen: Eine Frau legt zum Gedenken an die toten Kinder Blumen und Kerzen ab.

(Foto: Roberto Pfeil/dpa)

Eine 27-Jährige soll in Solingen ihre Kinder getötet haben, nur eines von sechs hat überlebt. Die ersten Erkenntnisse der Ermittler lassen auf eine emotionale Überforderung der Mutter schließen.

Von Christian Wernicke

Die vier Männer mühen sich um Abstand. Aus Respekt vor den Corona-Regeln haben die drei Polizisten und der Staatsanwalt oben auf der Bühne des Solinger Konzertsaals Platz genommen, mit gehöriger Mindestdistanz werden die Kameras, Mikrofone und Journalisten im Parkett platziert. Schwerer fällt es den Ermittlern jedoch, sich seelisch von dem zu lösen, was sie in den vergangenen 28 Stunden erlebt haben.

Sie haben die Bilder von den fünf toten Geschwistern im Kopf, "die Kinderleichen in ihren Kinderbetten", sagt Marcel Maierhofer, der Chef der Mordkommission. Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt sucht seinen Mindestabstand zum Horror, wenn er davon spricht, dass die Kinder von ihrer Mutter wohl zunächst betäubt und dann erstickt worden seien: "Wir haben Hinweise auf ein Ersticken und auf ein Sedieren." Einsatzleiter Robert Gereci lässt durchblicken, was er und seine Kollegen im zweiten Stockwerk des klobigen Mehrfamilienhauses in der Hasselstraße 155 in Solingen durchgemacht haben: Wer dabei war "bei der Auffindesituation", der habe nun "Betreuungsbedarf."

Nur in Andeutungen erzählen die Männer von den vergangenen 28 Stunden. Viele Details bleiben offen, "aus ermittlungstaktischen Gründen". Am Donnerstag um 13.50 war die Polizei in dem siebenstöckigen Gebäude in Solingen eingetroffen, mit einer Brechstange stemmte sie die Wohnungstür im ersten Obergeschoss auf. Neben der Tür steht das Schuhregal mit 14 Paaren Kinderschuhen, links im Treppenhaus ein Doppelsitz-Buggy. Auch noch am Freitag.

Alarmiert hatte die Behörden die Großmutter der Familie. Die Oma der Opfer, die in Mönchengladbach lebt, hatte mit ihrer Tochter per Whatsapp geschrieben. Und Schreckliches erfahren. Die eigene Tochter gestand ihr, sie habe ihre drei Töchter (im Alter von 18 Monaten, zwei und drei Jahren) sowie ihre beiden jüngsten Söhne (sechs und acht Jahre alt) getötet. Als die Großmutter andeutete, sie wolle die Polizei einschalten, schrieb die Mutter zurück: "Schick die Polizei in die Wohnung, die Kinder sind tot."

Trennung von ihrem Ehemann

In dem Chat fand die Polizei auch Hinweise auf die Beweggründe der mutmaßlichen Mörderin. Die 27-jährige Mutter, so Ermittler Maierhofer, habe geschrieben "dass sie nicht mehr kann." Die Polizei mutmaßt, dass die Frau unter der seit einem Jahr zerrütteten Ehe und der ein Jahr währenden Trennung von ihrem Ehemann gelitten habe. "Wir können davon ausgehen, dass sie die Tat in einem Zustand emotionaler Überforderung begangen hat", formuliert Maierhofer. Der Ehemann, Vater der jüngsten vier Kinder, sowie die beiden anderen Väter der beiden älteren Kinder, stünden nicht unter Tatverdacht.

Allein ihr ältestes Kind, den elfjährigen Sohn, hat die Mutter am Leben gelassen. Warum, ist unklar. "Vielleicht", sagt Marcel Maierhofer, sei der Erstgeborene nur "zufällig in der Schule und zur Tatzeit nicht zu Hause gewesen." Wann und wie der fünffache Mord genau geschah, dazu fehlen noch Untersuchungsergebnisse. Aber vage ergibt sich ein Bild: Wahrscheinlich wurden die Kinder am Donnerstagmorgen zunächst sediert, möglicherweise mit einem Schlafmittel. Und dann erstickt. In der Küche stießen die Ermittler auf eine "Frühstück-Situation", die Reste auf Teller und Schüsselchen werden noch analysiert. Die Tatzeit, so Maierhofer, sei wohl "eher in den Morgenstunden des 3. (Septembers) zu suchen."

Der elfjährige Junge war mit seiner Mutter am frühen Donnerstagnachmittag mit der Bahn nach Düsseldorf gefahren. Er wusste da schon, dass seine Geschwister tot waren. Die Mutter stieg in Düsseldorf aus, der Junge fuhr allein weiter nach Mönchengladbach, zur Oma. Um 14.35 kommt er dort an.

Auch Politiker sind fassungslos

Zu diesem Zeitpunkt ist der nächste Teil der Tragödie bereits geschehen: Die Mutter hat sich um 14.13 Uhr vor eine S-Bahn geworfen. Sie überlebt, mit inneren, aber nicht lebensgefährlichen Verletzungen. Während am Freitag die Pressekonferenz läuft, ergeht bereits der Haftbefehl. Vernehmungsfähig ist die Frau aber noch nicht. Viele kleine Details und die eine große Frage bleiben deswegen noch offen: Warum?

Auch die Politiker, die sich am Freitag äußern, sind fassungslos. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagt in Düsseldorf leise, das Schicksal der fünf Kinder habe ihn "im Tagesgeschäft innehalten lassen" - und an "die wirklich wichtigen Dinge im Leben" erinnert. In Berlin zeigt sich Familienministerin Franziska Giffey ähnlich erschüttert. Sie äußert Trauer, auch Wut - und will abwarten, was die Ermittlungen ergeben. Niemand dürfe "vorschnell urteilen", sagt sie, aber es gelte irgendwann "zu prüfen, ob es Hinweise auf Probleme innerhalb der Familie gegeben hat."

Diese Frage beantwortet am Freitagnachmittag die Stadtverwaltung Solingen: Das Jugendamt habe die Familie zwar unterstützt, aber: "Erkenntnisse zu Auffälligkeiten oder einer potentiellen Gefährdung der Kinder gab es zu keinem Zeitpunkt." Mehr sage man nicht, Datenschutz.

Vor dem Haus in der Hasselstraße liegen am Freitag Blumen. Und Teddybären, dazwischen zwei Pappschilder mit je einem Wort: "Warum?" Die Familie habe zurückgezogen gelebt, erzählt eine Nachbarin, manche Mütter hätten der Frau ab und an gebrauchte Kinder-Klamotten zugesteckt: "Die waren arm." Das Viertel, die Solinger Hasseldelle, ist kein sozialer Brennpunkt. Aber die Siedlung mit dem spröden Charme der 70er-Jahre, hat keinen guten Ruf, trotz Kita, Supermarkt und Nachbarschaftstreff samt Kegelbahn. "Jetzt wird's wieder heißen, wir seien Assis", schimpft eine Nachbarin.

Ein Schaulustiger, der aus der Innenstadt vorbeigekommen ist, winkt ab: "Damit muss ganz Solingen leben", sagt er bitter, "wir gelten doch seit über 25 Jahren als Todesstadt." Jeder weiß, was der Mann meint: Vor 27 Jahren, im Mai 1993, zündeten Rechtsextremisten das Wohnhaus einer türkischen Familie an. Auch damals starben fünf unschuldige Menschen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes standen aufgrund eines redaktionellen Fehlers Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat. Darin berichtete er vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage haben wir entfernt.

In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ/dpa/ick/aner/saul
Thoughtful stressed woman with a mess in her head

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