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Massaker in Fort Hood:Ein Alltag voller Traumata

Der Täter von Fort Hood arbeitete zuvor als Militärpsychiater im Walter-Reed-Hospital. Die Zustände dort waren erbärmlich - sie könnten erklären, warum er sich vor seinem Irak-Einsatz fürchtete.

Bevor Nidal Malik Hasan im Juli dieses Jahres in den texanischen Armeestützpunkt Fort Hood kam, arbeitete der 39-Jährige sechs Jahre lang im Militärkrankenhaus Walter Reed in Washington, DC. Erst als Assistenzarzt, dann absolvierte er seine Facharztausbildung zum Psychiater. Das Krankenhaus war damals, gelinde gesagt, kein angenehmer Ort.

Ein US-Veteran wird im Walter-Reed-Hospital in Washington behandelt - eine Aufnahme aus dem Jahr 2007.

(Foto: Foto: Reuters)

Walter Reed. Der Name ist bekannt in den USA. Das Militärkrankenhaus liegt nur fünf Meilen entfernt vom Weißen Haus. Die Washington Post hatte 2007 katastrophale Zustände in dem 1909 eröffneten Militärkrankenhaus aufgedeckt, mit der Berichterstattung gewann sie den Pulitzer-Preis. Das Land war in Aufruhr. Die Zeitung berichtete, Kriegsverwundete aus dem Irak und Afghanistan seien dort in einem verfallenen Gebäude untergebracht, in dem sich Mäuse und Kakerlaken eingenistet hätten. Hohe bürokratische Hürden würden außerdem eine schnelle Behandlung der Soldaten verhindern. Auch Nidal Malik Hasan arbeitete zu dieser Zeit im Walter-Reed-Hospital.

Präsident Bush reagierte auf den Bericht der Post. Sein Verteidigungsminister Robert Gates, der auch heute noch in diesem Amt ist, entließ unter anderem den Klinikleiter, den Generalarzt der Armee und den Armeeminister. Millionen Dollar wurden in die Renovierung von Walter Reed gesteckt. All das wurde beschlossen, da hatten die Ärzte wie Nidal Malik Hasan die katastrophalen Zustände in dem Krankenhaus schon jahrelang erlebt, sie sahen die Gleichgültigkeit mit der Amerikas Armee die Versehrten empfing.

Im Video: Bei einer Schießerei auf dem US-Armeestützpunkt Fort Hood sind zwölf Menschen getötet und 31 verletzt worden.

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Kriegs-Traumata bestimmten Hasans Umfeld

Hasans Patienten damals waren vermutlich vor allem heimgekehrte Veteranen aus den beiden US-Kriegen im Irak und Afghanistan mit posttraumatischen Belastungsstörungen, berichtet die Washington Post. Zwischen Juni 2003 und Juli 2009 arbeitete der Psychiater im Walter-Reed-Hospital, in diesem Zeitraum gab es Tausende Soldaten, die traumatisiert in die USA zurückkehrten. Es ist nicht klar, was Hasan dazu trieb, dreizehn Menschen zu töten und viele weitere zu verletzen. Klar ist aber, dass Hasan in einer Umgebung arbeitete, die von den Kriegs-Traumata heimkehrender US-Soldaten beherrscht wurde.

Wer diese Soldaten als Psychiater behandelt, ist selbst nicht immun gegen Traumata, sagen Experten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Ärzte, die wieder und wieder die Erzählungen aus den Kriegen hören, irgendwann selbst traumatisiert sind.

Hasan erhielt Medienberichten zufolge nach seiner Zeit im Walter-Reed-Hospital eine schlechte Bewertung. Damals schon, so berichtete es sein Vorgesetzter der Washington Post, hatte Hasan "Schwierigkeiten". Aus datenschutzrechtlichen Gründen kann der Vorgesetzte nicht mehr darüber sagen, außer dass die Probleme mit dem Kontakt zu Patienten zu tun hätten.

"Beruhigungsmittel" und "Schlaftabletten"

Als Hasan seinen Dienst im Walter-Reed-Hospital tat, wusste die Öffentlichkeit noch nichts von den Zuständen. Veteranen berichteten, dass psychische Probleme mit "Beruhigungsmitteln" und "Schlaftabletten" behandelt würden. Die späteren Enthüllungen der Washington Post bestätigten diese Aussagen. Befragungen der Veteranen in Walter Reed ergaben, dass drei von vier Verwundeten ihren Aufenthalt dort als Stress empfanden. Terry Petersen, ein Oberleutnant, der in Bagdad kämpfte und dort 2005 von einer Bombe verletzt wurde und fast verblutete, war selbst im Walter-Reed-Hospital. Nach den Enthüllungen der Post sagte er zu seiner Zeit in den US-Militärkrankenhäusern: "In die Luft gejagt zu werden, war noch das Einfachste."

Wenige Monate nach den Veröffentlichungen der Washington Post verklagte eine Veteranen-Organisation im Namen Tausender verwundeter und geschädigter Soldaten die Bush-Regierung, sie verlangten eine bessere Versorgung der Veteranen. Zahllosen Heimkehrern würde eine angemessene psychologische Betreuung verwehrt, warf die Organisation der Regierung vor. Die Regierung und das Pentagon würden die psychischen Erkrankungen, die posttraumatischen Belastungsstörungen der Veteranen herunterspielen, um Kosten zu sparen. Es seien schlicht nicht ausreichend Psychotherapeuten rekrutiert worden. Einer, der rekrutiert wurde und mit den Zuständen in den amerikanischen Militärkrankenhäusern klarkommen musste, war Nidal Malik Hasan. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Hasan Medienberichten zufolge nicht in den Irak wollte, obwohl er Ende des Monats dort hingeschickt werden sollte. Er wusste allzu gut, wie es den Soldaten ergehen kann.

© sueddeutsche.de/grc
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