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Asiatische Marienkäfer:Invasion der Harlekine

Marienkäfer

Wimmelbild: Diese Käfer hat Andreas Vilcinskas von einer älteren Dame geschenkt bekommen. Auf dem Bild sind die verschiedenen Farbmorphen gut zu erkennen.

(Foto: Andreas Vilcinskas)

Wo kommen eigentlich all die Marienkäfer mit den vielen Punkten her, die derzeit in Scharen die Hauswände bevölkern? Zoologe Andreas Vilcinskas kann das erklären - und auch, was diese stinkende, gelbe Flüssigkeit ist, die die Tiere absondern.

Interview von Ramona Dinauer

An Hauswänden oder Fensterrahmen wimmelt es zurzeit nur so von ihnen, und wenn man mal kurz die Balkontür offen stehen lässt, zack, hat man sie im Haus: Marienkäfer, genauer gesagt, asiatische Marienkäfer. Zoologe Andreas Vilcinskas vom Institut für Biotechnologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich auf die gepunkteten Insekten spezialisiert.

SZ: Herr Vilcinskas, seit einigen Wochen sieht man besonders viele Marienkäfer. Wie unterscheidet man die Asiatischen von den einheimischen Marienkäfern?

Andreas Vilcinskas: Sie können nicht nur rot mit schwarzen Punkten sein, sondern kommen in vielen Farbmorphen vor. Deshalb heißen sie auch Harlekin-Marienkäfer, wie die Theaterfigur. Mal sind sie gelblich mit sehr vielen dunklen Punkten, mal schwarz mit zwei roten Punkten. In Deutschland gibt es sie erst seit Beginn der 2000er-Jahre. Zur biologischen Schädlingsbekämpfung hat man sie aus Asien geholt, der Harlekin ist nämlich ein nimmersatter Blattlausvertilger. Um die 200 Blattläuse frisst er am Tag.

Aber eben nicht nur Blattläuse ...

Wie so oft, wenn man Tierarten in andere Erdteile verfrachtet, werden sie zu einer invasiven Art. Das heißt, sie breiten sich aus und verdrängen die einheimischen Arten, wie zum Beispiel den Siebenpunkt-Marienkäfer. Der bekommt nur einmal im Jahr Nachwuchs, während der Harlekin zwei bis drei Generationen im Jahr ausbildet. Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Marienkäferarten beinhaltet auch, dass sie jeweils die Eier oder die Larven der anderen fressen - also Kannibalismus unter Marienkäfern.

Gehen die heimischen Marienkäfer nicht zum Gegenangriff über?

Schon, auch sie fressen die Larven ihrer Konkurrenten. Jedoch sind die Eier des Harlekin-Käfers voll mit Parasiten, gegen die er selbst immun ist, die einheimischen Marienkäfer aber nicht. Sie sterben an den Harlekin-Eiern. Besonders schnell verdrängt er damit den Zweipunkt-Marienkäfer.

Kann man trotzdem noch in Ruhe Punkte zählen, wenn ein Marienkäfer auf dem Arm landet?

Absolut, gefährlich für den Menschen sind auch die asiatischen Marienkäfer nicht. Als ich letztens mit meiner siebenjährigen Tochter im Wald spazieren war, hat ein Harlekin-Käfer einen gelben Fleck auf ihrer Hand hinterlassen. Das riecht zwar ein bisschen unangenehm, macht aber gar nichts, habe ich ihr erklärt.

Der Marienkäfer hat ihr auf die Hand gespuckt?

Nein. Die Haut an den Beinen der Marienkäfer ist sehr dünn, wenn man sie zu fest berührt, tritt das Reflexbluten ein. Die gelbe Flüssigkeit ist ihr ungenießbares Blut, die Hämolymphe. Das schützt sie gegen Vögel.

Andreas Vilcinskas

Andreas Vilcinskas, 56, ist Professor an der Universität Gießen und erforscht zum Beispiel, inwiefern Marienkäfer für die Entwicklung von Medikamenten nützlich sein können.

(Foto: Oliver Soulas)

Seit einigen Wochen sieht man die Marienkäfer öfter an Hauswänden und Fensterrahmen als im Wald. Wie kommt das?

Weil sie den Sommer auf den Wiesen und in den Büschen verbracht haben. Sobald die ersten Frostnächte kommen, suchen sich die asiatischen Marienkäfer einen Platz zum Überwintern. Meist sitzen einzelne an einer geschützten Ecke und setzen Duftstoffe frei. Das lockt mehr und mehr der Marienkäfer an, bis sie gemeinsam, manchmal in einer großen Traube, überwintern.

Wie geht man mit einer solchen "Marienkäfer-Traube" in der eigenen Wohnung um?

Viele saugen die Käfer mit dem Staubsauger auf. Besser ist es natürlich, die Tiere vorsichtig nach draußen zu befördern. Für unsere Forschung am Institut für Biotechnologie holen wir die asiatischen Marienkäfer auch lieber aus der Natur, denn sie im Labor zu züchten, ist unglaublich aufwendig, da sie so viele Blattläuse fressen. Einmal hat uns eine ältere Dame angerufen. Bei ihr haben wir Hunderte Käfer in allen Farben abgeholt, da habe ich direkt dieses Foto geschossen.

Was machen Sie mit all den Marienkäfern?

Wir extrahieren unter anderem Krankheitserreger aus den Käfern. Wir wollten wissen, warum der Harlekin-Käfer gegen die Parasiten in seinem Blut immun ist, während sie bei den einheimischen Marienkäfern zu einem langsamen Aussterben führen. Das liegt an einer Substanz, die wir in der Hämolymphe, dem Blut der Käfer, gefunden haben - dem Harmonin. Dieser Naturstoff ist gegen Malaria sowie Erreger der Tropenkrankheiten Bilharziose und Leishmaniose wirksam. Das Potenzial des Harmonins ist dementsprechend groß für die Medikamentenherstellung.

Also bringen Marienkäfer tatsächlich Glück.

Mir auf jeden Fall. Die Marienkäfer haben uns jede Menge Forschungsgelder und interessante Ergebnisse eingebracht. Sogar im Logo unseres Institutsteils "Bioressourcen" des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie haben wir einen Marienkäfer mit dabei.

© SZ/nas
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