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George W. Bush als Maler:Geschichtsklitterung in Ölfarbe

Churchill als Vorbild: Ex-Präsident George W. Bush beim Malen.

(Foto: C.A. Smith Photography)

Die Malerei von Ex-Präsident George W. Bush ist gar nicht mal schlecht. Doch mit seinen Porträts von Einwanderern romantisiert er erneut seine eigene Rolle. So erfolgreich, dass ihn selbst die Obamas inzwischen wie einen netten Onkel behandeln.

Von Andrian Kreye

Um das gleich mal vorwegzunehmen, die Porträtmalerei des ehemaligen Präsidenten George W. Bush ist gar nicht so schlecht. Man hätte bei einem Mann aus Texas eher Cowboykitsch in Öl erwartet, wie das Frederic Remington oder Charles Marion Russell früher produzierten. Stilistisch kann man Bush irgendwo in der figurativen Ölmalerei des mittleren 20. Jahrhunderts ansiedeln. Sicher fehlt ihm emotionale Tiefe und Ausdruck, was vielleicht auch daran liegt, dass er seine Porträts nicht am lebenden Objekt, sondern von Fotos abmalt, aber seine zahlreichen Lehrerinnen und Lehrer haben da einen ganz ordentlichen Job gemacht. Selbst der strenge Kunstkritiker der Zeitschrift New Yorker Peter Schjeldahl beschied den Bildern, "sie wirken ehrlich beobachtet und überzeugend lebendig".

Churchill war Bushs Vorbild, als er vor etwa neun Jahren Kunstlehrer engagierte, Churchill malte auch gerne in Öl. Bushs Porträts führender Politiker waren vor ein paar Jahren noch etwas ungelenk, seine jüngste Serie mit Einwanderern ist schon etwas ausgereifter. Sie erschien im Frühjahr als Buch und ist noch bis 3. Januar in seiner vorübergehend geschlossenen Presidential Library in Dallas zu sehen ist. "Out of many, One: Portraits of America's Immigrants" ist schon sein zweiter Kunstband. Für den ersten hatte Bush Veteranen der Kriege in Afghanistan und Irak gemalt. Und genau da beginnt natürlich das Problem, weil der 74-Jährige mit diesen Bildern in Amerika so erfolgreich Geschichtsklitterung betreibt, dass ihn selbst die Obamas inzwischen wie einen netten Onkel behandeln.

Die afghanische Unternehmerin Roya Mahboob, porträtiert von George W. Bush.

(Foto: George W. Bush Presidential Center)

Der Zynismus, dass Bush ausgerechnet die Frauen und Männer gemalt hat, die ihre Traumata und Verletzungen aus zwei Kriegen davontrugen, in die er sie ja hineingejagt hatte, war vor vier Jahren sehr offensichtlich. Aber auch seine Romantisierung Amerikas als Nation, die Einwanderer groß gemacht haben, ist ziemlich durchsichtig. Sicher sind Figuren wie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright und der Fürst der Finsternis Henry Kissinger, die vor den Nazis, oder die Superstars Dirk Nowitzki und Arnold Schwarzenegger, die vor der Mittelmäßigkeit flohen, Beweise für die unbegrenzten Möglichkeiten, die es in den USA für Menschen gibt, die talentiert und fleißig sind.

Das Ölgemälde von Dirk Nowitzki ist in dem Buch "Out Of Many, One" abgebildet.

(Foto: George W. Bush Presidential Center)

Nicht ganz so bekannte Flüchtlinge aus Nordkorea, Venezuela oder dem Nahen Osten illustrieren Amerikas Rolle als Schutzhafen, wie es Emma Lazarus Gedicht auf dem Sockel der Freiheitsstatue verspricht. Das Buch klammert allerdings aus, dass George W. Bush die Grenztruppen der Immigrations and Customs Enforcement gründete, die unter dem Kürzel ICE vor allem in den Trump-Jahren Angst und Schrecken unter Einwanderern verbreiteten und die Familientrennung illegaler Neuankömmlinge organisierten.

Auch den burundischen Langstreckenläufer Gilbert Tuhabonye hat Bush porträtiert.

(Foto: George W. Bush Presidential Center)

Die Bilder und rührenden Geschichten, gekrönt mit einem Aufruf zur Reform der Einwanderungspolitik, sind ein Musterbeispiel für den Missbrauch der Kunst im Dienste des Revisionismus. Solche Strategien der Kulturpolitik kennt man sonst eher aus autokratischen Ländern. Wobei Bushs Bilder etwas subtiler funktionieren als der sowjetische oder chinesische Realismus. Die vermeintliche Zartfühligkeit der Bilder und das Pathos der Begleittexte vermitteln fast so etwas wie Reue ob des eigenen Vermächtnisses. Wer weiß, vielleicht malt Bush schon an Porträts von Folteropfern aus Guantanamo Bay oder den Menschen aus New Orleans, die Angehörige oder Existenzen beim Hurrikan Katrina verloren, weil Bush die Katastrophenhilfe vergeigte. Wobei man sich mit solchen Witzeleien natürlich auf die gleiche Ebene des Zynismus begibt wie der Kriegsverbrecher, Folterfürst und Menschenverächter Bush auf der Prairie Chapel Ranch in Texas.

© SZ/afis
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