Missbrauchsfall in Lügde Vorwürfe gegen NRW-Regierung wegen verschwundener Beweisstücke

Bei der Kreispolizeibehörde Lippe sind Beweisstücke verschwunden.

(Foto: dpa)
  • Bei den Ermittlungen im Missbrauchsfall von Lügde ist Beweismaterial bei der Polizei Lippe verloren gegangen.
  • Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) wirft der nordrhein-westfälischen Landesregierung vor, den Personalmangel bei der Polizeibehörde ignoriert zu haben.
  • NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht dagegen von Behördenversagen.
  • Der Leiter der Direktion Kriminalität in Lippe wurde suspendiert.

Im Skandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauch in Lügde hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Vorwürfe gegen die Landesregierung erhoben. "Wir reden hier nicht von einer Polizeibehörde, bei der alles in Ordnung wäre, sondern im Gegenteil", sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Landesvorsitzender des BDK dem WDR. Das NRW-Innenministerium wisse seit Jahren, wie es dort aussehe.

"Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten." Die Kripo sei ausgeblutet und liege am Boden, im vergangenen Jahr hätten 60 Leute gefehlt. Nun zeige sich, was Personalmangel bedeute. "Wenn der Innenminister davon redet, dass seine Großmutter das besser gekonnt hätte, kommt das bei den Kollegen, die sich da jeden Tag den Hintern aufreißen, nicht so gut an."

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bekräftigte dagegen im WDR-Hörfunk den Vorwurf des Behördenversagens. Er sehe sich in seiner Kritik bestätigt und habe nun die Pflicht, dafür zu sorgen, das aufzuklären. Mehrere Sonderermittler des LKA sind im Einsatz, um das Verschwinden der Beweise aufzuklären. 155 Datenträgern sind in der Kreispolizeibehörde Lippe mit Sitz in Detmold verschwunden. Reul sprach am Donnerstag von "Polizeiversagen". Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hatte das Verschwinden von Beweisstücken als eine "Katastrophe" für das Ansehen der Polizei eingestuft.

Missbrauchsfall in Lügde Sonderermittler soll "Polizeiversagen" aufklären
Fall Lügde

Sonderermittler soll "Polizeiversagen" aufklären

Wichtiges Beweismaterial in dem Missbrauchsfall ist verschwunden - ausgerechnet aus Räumlichkeiten der ermittelnden Kriminalpolizei. NRW-Innenminister Reul spricht von einem "Desaster".   Von Jana Stegemann

Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte am Freitag mit, man gehe davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar seien und nicht entwendet wurden. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen. Der Fall um die verschwundenen Beweisstücke soll nächste Woche im Düsseldorfer Landtag aufgearbeitet werden. SPD und Grüne kündigten an, eine Sondersitzung des Innenausschusses zu beantragen.

Derweil gibt es erste personelle Konsequenzen. Der Landrat des Kreises Lippe und Behördenleiter der Polizei, Axel Lehmann (SPD), teilte mit, er habe den Leiter der Direktion Kriminalität in der Behörde "von der weiteren Wahrnehmung seiner Aufgabe entbunden".

Im Zentrum des Missbrauchs-Skandals von Lügde steht der 56-jährige Dauercamper Andreas V. Er soll auf einem Campingplatz mindestens zehn Jahre lang Dutzende Mädchen und Jungen in mehr als 1000 Fällen sexuell missbraucht haben. Seine Parzelle liegt am Rande des Platzes "Eichwald" im abgeschiedenen 9500-Einwohner-Städtchen Lügde im Teutoburger Wald.

Ermittlungen gegen Behördenmitarbeiter

Wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen neben Andreas V. als Hauptverdächtiger ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Sie kommen zum Großteil aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt daher auch gegen die Polizei. Gegen eine weitere Person wird wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Geprüft wird, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte. Gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung im Amt.

Missbrauchsfall in Lügde Majas Pflegevater

Missbrauch in Lügde

Majas Pflegevater

Andreas V. soll in seinem Wohnwagen jahrelang Dutzende Kinder missbraucht und gefilmt haben. Auch die achtjährige Maja, die ihm als Baby anvertraut wurde. Wie konnte es so weit kommen?   Von Jana Stegemann und Britta von der Heide, Lügde