Wintersport:"Lawinengefahr ist immer Lebensgefahr"

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Wintersport: Auch erfahrene Alpinisten machen manchmal Beurteilungsfehler und unterschätzen die Gefahren einer möglichen Lawine.

Auch erfahrene Alpinisten machen manchmal Beurteilungsfehler und unterschätzen die Gefahren einer möglichen Lawine.

(Foto: Michael Kristen/imago images)

Mehr als 100 Lawinenabgänge in wenigen Tagen, mehr als ein Dutzend Menschen kommen ums Leben. Noch nie haben sich Unglücke im Schnee derart gehäuft, sagen Experten. Verhalten sich Wintersportler allen Warnungen zum Trotz immer leichtsinniger?

Interview von Titus Arnu

Viel Neuschnee, dazu stürmischer Westwind und eine vereiste Altschnee-Unterlage: Die Lawinensituation in den Bergen ist derzeit sehr kritisch. Der Tiroler Lawinenwarndienst hat für alpines Gelände oberhalb der Waldgrenze die Warnstufe 4 herausgegeben, die zweithöchste Stufe der Gefahrenskala. In den vergangenen Tagen gab es allein in Tirol mehr als 100 Lawinenereignisse, viele davon mit fatalem Ausgang. Mindestens zwölf Wintersportler starben in den Schneemassen. Das schlimmste Unglück ereignete sich in Spiss in der Nähe des Skigebiets Ischgl/Samnaun, wo am vergangenen Freitag vier schwedische Skitourengeher und ein österreichischer Bergführer in einer Lawine ums Leben gekommen sind. Ein Gespräch mit Rudi Mair, Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes, über die Tücken des Tiefschnees und tödlichen Leichtsinn.

SZ: Herr Mair, wie gefährlich ist die Lawinensituation im Moment?

Rudi Mair: Die Situation ist sehr heikel. Ich mache den Job jetzt seit über 30 Jahren, aber so eine Häufung habe ich noch nicht erlebt. Noch nie hat es so viele Lawinenunfälle in so kurzer Zeit gegeben.

Woran liegt das?

Das liegt zum einen an der Wetterlage: Wir hatten Mitte vergangener Woche sehr viel Neuschnee, mancherorts fielen ein bis zwei Meter innerhalb von zwei Tagen. Dazu kam sehr starker Wind bis hin zu Orkanböen, der Schnee wurde verfrachtet. So entstehen Lawinen. Anschließend war bestes Winterwetter mit Sonne und Pulverschnee - da waren natürlich sehr viele Wintersportler unterwegs. Damit kommen dann alle typischen Voraussetzungen für Lawinenunfälle zusammen. Wir nennen diese Ballung von Gefahrenfaktoren "Klumpen-Risiko."

Wintersport: Rudi Mair, 60, ist seit 1998 Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. Während der Wintersaison ist er zuständig für die tägliche Gefahrenprognose, die Wintersportler im Internet und per App abrufen können, in sieben Sprachen und gratis. Mair gilt als einer der erfahrensten Lawinen-Experten weltweit.

Rudi Mair, 60, ist seit 1998 Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. Während der Wintersaison ist er zuständig für die tägliche Gefahrenprognose, die Wintersportler im Internet und per App abrufen können, in sieben Sprachen und gratis. Mair gilt als einer der erfahrensten Lawinen-Experten weltweit.

(Foto: Eibner/imago sportfotodienst)

Kann es auch sein, dass einfach mehr Leute im Gelände unterwegs sind und es deshalb zu mehr Lawinenunfällen kommt?

Da ist etwas dran. Skitourengehen boomt, heute sind fünf- bis zehnmal so viele Leute abseits der Pisten unterwegs wie vor 30 Jahren. Viele sind aber leider nicht dazu in der Lage, die Gefahr richtig einzuschätzen. Lawinengefahr ist immer Lebensgefahr! Wenn ich als Skifahrer eine Mini-Lawine von 20 mal 20 Meter auslöse, habe ich bei einer Anrisshöhe von einem halben Meter schon 40 Tonnen Gewicht zusammen - wenn da jemand verschüttet wird, ist es so, als läge die Person unter einem voll beladenen Lastwagen. Da kann man nicht einfach aufstehen und den Schnee abschütteln.

Sowohl die Lawinenprognosen als auch die Sicherheitsausrüstung für Wintersportler haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Wieso passieren trotzdem so viele Lawinenunfälle?

Das ist richtig, wir machen heute detaillierte Lawinenlageberichte für 29 kleinräumige Gebiete, sie sind schon am Vorabend abrufbar. Dazu kommen digitale Verschüttetensuchgeräte, Airbag-Rucksäcke und weitere Sicherheitstechnik. Und das bringt auch tatsächlich etwas. Relativ gesehen passiert heute weniger als früher. Die absolute Zahl der Lawinentoten - in Tirol durchschnittlich zwölf Personen pro Saison - ist über die Jahre gleich geblieben, obwohl zehnmal mehr Leute unterwegs sind.

Die meisten Lawinenunglücke passieren bei Warnstufe 3, was "erhebliche Gefahr" bedeutet, aber von vielen Wintersportlern als "geht schon noch" fehlinterpretiert wird. Würde es etwas bringen, die Gefahrenskala auszuweiten auf zehn Stufen?

Das wird immer wieder diskutiert, würde aber meiner Meinung nach nicht so viel bringen. Der Lawinenlagebericht ist schon jetzt sehr detailliert. An der Spitze der Informationspyramide steht die Gefahrenstufe als grobe Orientierung. Dazu gibt es ausführliche Erläuterungen zu Gefahrenmustern, Problemstellen, Exposition, Höhenstufen und Schneeart. Wer das genau anschaut und sich danach richtet, sollte eigentlich gut vorbereitet sein.

Wintersport: Lawinenhundeführer und ihre Hunde in Oberstdorf in Bayern bei einer Übung.

Lawinenhundeführer und ihre Hunde in Oberstdorf in Bayern bei einer Übung.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Der Tiroler Lawinenwarndienst gilt als bester der Welt. Wie kann es dann trotzdem passieren, dass ein Bergführer mit seiner Gruppe in eine Lawine gerät?

So etwas kann eben passieren. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist - auch erfahrene Alpinisten machen manchmal Beurteilungsfehler, und dann können die Folgen dramatisch sein.

Was raten Sie Skitourengehern in den nächsten Tagen? Wird die Gefahr nachlassen?

Am Montag hat es noch mal kräftig geschneit, an manchen Orten bis zu einem halben Meter, dazu blies starker Wind. Die Situation ist weiter heikel, wird sich aber in den nächsten Tagen etwas entspannen und auf Gefahrenstufe 3 zurückgehen. Achtung, das bedeutet immer noch "erhebliche Gefahr"! Wer keine Erfahrung hat und die Lawinensituation vor Ort nicht einschätzen kann, ist gut beraten, bei einem Dreier auf gesicherten Pisten zu bleiben.

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