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Kommentar zur Missbrauchs-Konferenz:Es reicht nicht. Amen

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch mit Papst Franziskus

Papst Franziskus und sein Katalog von Sofortmaßnahmen kommen zu spät - und sie setzen nicht das Signal der großen Umkehr.

(Foto: dpa)

Mit eindringlichen Worten versucht Papst Franziskus, die Vertrauenskrise der katholischen Kirche zu beenden. Auf eine Jahrtausendkrise kann man aber nur mit einer Jahrtausendreform antworten. Die ist nicht in Sicht.

Papst Franziskus müht sich sehr; er ist guten Willens. Viele seiner Bischöfe sind es auch; sie sind zerknirscht, sie sind demütig; aber nicht alle sind es und gar manche sind es erst geworden, als es nicht mehr anders ging angesichts der ungeheuren Dimension der Verbrechen, die man als lässliche Sünden nicht mehr wegschieben konnte. Die Taten waren nie lässlich, sie waren immer ungeheuerlich; sie waren und sind auch ein ungeheuerlicher Missbrauch des Vertrauens der Gläubigen der Kirche. Viele Christen fühlen sich um ihre spirituelle Heimat betrogen - auch deswegen, weil das Selbstmitleid der Kirche sehr viel größer war als ihr Mitleid mit den Opfern. Diese Zeit hat Papst Franziskus mit eindringlichen Worten zu beenden versucht. Aber das reicht nicht; es reicht nicht, es reicht nicht.

Es reicht nicht, eine Anti-Missbrauchs-Konferenz von vier Tagen abzuhalten und eine eindringliche, bußfertige Rede an den Schluss zu setzen. Die Krise ist zu groß, der Skandal ist überall, die sexuelle Gewalt von Priestern ist urbi et orbi - in Irland und Australien, in den USA und in Deutschland; und sie ist weltweit präsent. Die ewige Vertuscherei, die Papst Franziskus nun so verdammt hat, funktionierte und funktioniert in der modernen Welt immer weniger.

Papst Franziskus weiß, dass nicht der Teufel der Kirche Schmutz ins Gesicht geworfen hat, wie das sein Vorgänger Benedikt vor zehn Jahren gesagt hat. Um es in der Sprache der Religion zu sagen: Funktionäre der Kirche haben Jesus Schmutz ins Gesicht geworfen. Und dieser Schmutz kommt nicht von außen, er kommt von innen. Papst Franziskus ist einer, der lernt; einer, dem man glaubt, was er sagt. Aber dieser ungewöhnliche Mensch und sein Katalog von Sofortmaßnahmen kommen zu spät - und sie setzen nicht das Signal der großen Umkehr.

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Es geht ja nicht um irgendeine Krise. Es geht um eine Jahrtausendkrise. Sie handelt von den Zehntausenden von Priestern, die sich schuldig gemacht haben, sie handelt von Legionen Opfern, die an deren Taten zerbrochen sind. Sie handelt davon, dass die Kirche die Verbrecher kannte, aber die Verbrecher als Priester weiterarbeiten und weiter Verbrechen begehen ließ. Sie handelt von den beinah mafiosen Strukturen, mit denen man das so hindrehte. Sie handelt vom gewaltigen Misstrauen, das nun leider auch die große Mehrzahl der Kleriker trifft, die untadelig und selbstlos ihrer Berufung nachgehen. Die Krise erfasst das Innerste, sie erfasst Leib und Seele der Kirche, sie entwertet ihren Anspruch und ihren Auftrag, Sitte und Moral zu lehren. Sie legt sich düster auf ihren Auftrag, für die Schwächsten da zu sein; die Kinder sind die Schwächsten; sie hat sich an ihnen vergangen.

Auf eine Jahrtausendkrise kann man nur mit einer Jahrtausendreform antworten - ein paar mahnende Papiere reichen da nicht. Die römisch-katholische Kirche braucht das, was die Mediziner "restitutio in integrum" nennen, also eine vollständige Ausheilung. Dazu gehört eine kompromisslose Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft in allen Fällen sexueller Gewalt. Dazu gehört die sofortige Öffnung aller einschlägigen Akten und Archive, beginnend beim Vatikan.

Dazu gehört die Entlassung und Exkommunikation aller Priester, die sich sexueller Gewalt schuldig gemacht haben. Dazu gehört auch eine Abkehr vom zölibatären Zwang; den gibt es nun seit tausend Jahren. Das reicht, das hat viel genug Unheil angerichtet. Der Zwang diskreditiert auch die Priester, die in freier Entscheidung zölibatär leben wollen; sie haben ein Recht auf ein Leben ohne Verdächtigungen.

Zu den großen neuen Zeichen des Aufbruchs würde es gehören, mit den alten klerikalen Machtstrukturen zu brechen. Die Vertreibung der Frauen aus allen Machtpositionen, die die Kirche zweitausend Jahre lang betrieben hat - sie muss ein Ende haben. Es reicht. Die Kirche, ihre engagierten Geistlichen und die Gläubigen brauchen eine Zukunft, die mehr ist als die Abwicklung dieser Kirche. Es braucht daher ein Konzil, das solche Reformen angeht.

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