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Konferenz zu sexuellem Missbrauch:Papst: Schutz von Kindern steht über dem Schutz der Kirche

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch mit Papst Franziskus

Der Papst bei der Messe zum Abschluss des Gipfeltreffens im Vatikan.

(Foto: dpa)
  • Im Vatikan ist das viertägige Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu Ende gegangen.
  • In einer Grundsatzrede hat der Papst keine konkreten Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch genannt, aber einen Leitlinien-Katalog vorgestellt.
  • Der australische Erzbischof Mark Coleridge sieht die katholische Kirche dabei vor einer "kopernikanischen Revolution".

Die Sala Regia ist das Prunkstück im Inneren der Residenz des Papstes, dem apostolischen Palast. Dort, vor der versammelten klerikalen Führungsriege der katholischen Kirche, hat Papst Franziskus am Sonntagmorgen das erste Gipfeltreffen im Vatikan zum Thema Missbrauch mit einer Grundsatzrede beschlossen. Er bekräftigte darin den Willen der Kirche, sexuellem Missbrauch mit Entschlossenheit entgegenzutreten.

Der Papst stellte Leitlinien vor, die sich auf ein sieben Punkte umfassendes Programm der Vereinten Nationen gegen sexuellen Missbrauch beziehen. Konkrete Maßnahmen nannte er mit einer Ausnahme jedoch nicht - und er relativierte sexuellen Missbrauch als ein weltweites und universelles Problem, dass in "allen Kulturen" anzutreffen sei und etwa mit heidnischen Menschenopfer-Bräuchen verglichen werden könne.

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Konkret wurde Franziskus nur in Bezug auf die Heraufsetzung der Altersgrenze von Minderjährigen, die auf pornografischem Bildmaterial zu sehen sind. Bisher befasste sich die Glaubenskongregation - die eine Exkommunikation aussprechen kann - nur mit angezeigten Fällen, in denen Kleriker pornografisches Material besäßen, auf denen Kinder unter vierzehn Jahren zu sehen sind - eine von Papst Benedikt im Jahr 2010 festgelegte Regelung. Künftig soll dies generell für pornografische Aufnahmen von Minderjährigen gelten.

In Franziskus' Rede, die via Livestream übertragen wurde, sagte der Papst: "Kein Missbrauch darf jemals vertuscht - so wie es in der Vergangenheit üblich war - oder unterbewertet werden". Missbrauch sei ein "übergreifendes Problem", das überall vorkomme, aber vor allem Familien, Sportlehrer und Erzieher betreffe. Sexueller Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche wiege aber schwerer als in anderen Bereichen der Gesellschaft, wegen der moralischen Verantwortung der Kirche, insbesondere gegenüber Kindern und Schutzlosen.

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In seiner Rede übte Franziskus auch Kritik an den Medien. Druck von außen dürfe nicht zu einem "Gerechtigkeitswahn" führen. Stattdessen sollten die von Experten erstellen "Inspire"-Leitlinien der Kirche als Vorlage dienen, um gegen sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen vorzugehen. Über allem müsse aber das Wohlergehen von Kindern stehen. Es habe "Vorrang vor dem Schutz der Institution". Von Klerikern begangene Sexualverbrechen müssten strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Außerdem soll dem Papst zufolge die Hilfe für Opfer stärker in den Fokus rücken. Wörtlich sagte Franziskus, müsse "Zeit verschwendet" werden beim Zuhören, wenn Opfer von ihren Erfahrungen berichten. Dies sei ein Zeichen von Demut und Buße und diene zudem der Prävention weiteren Missbrauchs.

Die Ansprache des Pontifex war mit Spannung erwartet worden. Sie war von vielen als die wichtigste seines Pontifikats bezeichnet worden - insbesondere hinsichtlich der Frage, ob Franziskus' an der Unumstößlichkeit des Zölibat festhalten werde. In seiner Rede bekräftigte der Papst die "Tugend der Keuschheit" als Pfeiler des Priestertums. In der Auswahl von Seminaranwärtern müsse künftig mit größerer Sorgfalt darauf geachtet werden, ob die Priester-Kandidaten für ein zölibatäres Leben geeignet seien.

"Fiasko", "schamlos"

Der deutsche Opfervertreter Matthias Katsch zeigt sich von der Papst-Rede enttäuscht. Sie sei der "schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen", twitterte Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch. Mehrere Opfervertreter hatten vor Konferenzbeginn von der Kirche und insbesondere vom Papst konsequentes Handeln gefordert. Kritisiert worden war, dass die Vertreter der Opferverbände nicht als Teilnehmer zu der Konferenz eingeladen worden waren.

Der deutsche Kirchenrechtler Thomas Schüller bezeichnet die Rede gar als "Fiasko". Franziskus werde nicht als Reformpapst in die Geschichte eingehen, sondern als Bewahrer", sagte der Direktor des Instituts für Kanonisches recht an der Universität Münster der Deutschen Presse-Agentur. Er nannte die Rede ein "routiniertes und uninspiriertes Abspulen von Selbstverständlichkeiten."

undesjustizministerin Katarina Barley (SPD) fordert die katholische Kirche auf, beim Kampf gegen Missbrauch umfassender mit der Justiz zusammenzuarbeiten. "Den Worten des Papstes müssen jetzt auch Taten folgen", sagte sie am Sonntag den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Unsere Strafprozessordnung kennt keine Geheimarchive", betonte die Ministerin mit Blick auf die Vertuschung vieler Fälle.

Vor der Grundsatzrede des Papstes hatten die anwesenden Kardinäle und Bischöfe gemeinsam mit dem Papst die Sonntagsmesse gefeiert. In seiner Predigt hatte der australische Erzbischof Mark Coleridge die Bedeutung der von Franziskus angestoßenen Konferenz herausgestellt. Sie sei der Beginn einer "kopernikanischen Revolution". Die Kirche müsse verstehen, dass sie für die Menschen da sei und nicht andersherum. Coleridge mahnte die anwesenden Kirchenführer: "Wir haben nicht ewig Zeit, und wir sollten besser nicht versagen."

Seit Donnerstag hatte der Papst mit den Chefs der weltweit 114 Bischofskonferenzen und weiteren rund 70 Teilnehmern getagt. Das Ziel: Wege finden, wie sexuelle Misshandlungen von Kindern durch Geistliche zu verhindern sind. Viele Vorschläge und Ideen standen zur Diskussion, bindende Beschlüsse fassten die Teilnehmer auf der Konferenz dennoch nicht. Eine Abschlusserklärung mit konkreten Vorgaben war von vornherin nicht eingeplant. Franziskus' vorab erklärtes Ziel des Gipfels dürfte dennoch erreicht worden sein: Er wollte Bewusstsein für das "Drama" schaffen und die Bischöfe für das Problem sensibilisieren.

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