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Kirchentag:Schöner Schein auf dem Evangelischen Kirchentag

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Evangelischen Kirchentag.

(Foto: AFP)
  • Gut 106 000 Dauergäste hatten sich bis Kirchentagsbeginn angemeldet, eigentlich hatte man mit 140 000 Dauergästen gerechnet.
  • Vor allem der große Abschlussgottesdienst in Wittenberg droht ein recht kleiner zu werden.
  • Für Kritiker hat der Schwund nicht nur äußere Gründe.

Applaus für den Großimam. Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyeb aus Kairo ist zum Kirchentag gekommen, in die Halle 20 des Messegeländes; der Chef der Al-Azhar-Universität ist eine der höchsten Autoritäten des sunnitischen Islams. "Der Islam gestattet nicht, Waffen einzusetzen, es sei denn zur Abwehr von Angriffen oder zur Selbstverteidigung", ruft er den 2000 Zuhörern zu. Und: "Der Islam trägt keine Schuld an den Terroranschlägen." Die "verabscheuungswürdigen Verbrechen" stünden "nicht für den Islam und die Muslime", sagt al-Tayyeb. Der Terror komme vom Teufel und sei der Feind der Religion, "einstimmig sollen die Glocken läuten und die Muezzine zum Gebet rufen und sagen: Schluss mit diesen Verbrechen im Namen der Religion!"

. Da verurteilt einer mit aller Schärfe Gewalt, das finden die Kirchentagsbesucher gut, auch CDU-Innenminister Thomas de Maizière, der nach dem Großimam reden soll. Aber kann man das so einfach sagen: Die Gewalt hat nichts mit dem Islam zu tun? Die Frage aber, ob Religionen nicht doch ein Gewaltpotenzial haben, kommt nicht.

Thomas de Maizière redet über Toleranz, zu der aber auch der Streit gehöre. Das bleibt dann so stehen. "Woher kommt Ihr Impetus, dass Sie uns die Hand reichen?", heißt die erste Frage des Moderators. Als er später zu den Kopten in Ägypten kommt, unterbricht ihn de Maizière: Gerade kommt die Meldung, dass Bewaffnete einen Bus koptischer Christen angegriffen und viele Menschen getötet haben. Al-Tayyeb ruft zu einer Schweigeminute auf, die Leute erheben sich. Der Großimam wiederholt: Das waren keine Muslime, das waren keine Ägypter.

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Der Freitagvormittag mit dem Großimam und dem Innenminister ist typisch für diesen Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Man feiert groß 500 Jahre Reformation, da kommen auch die großen Namen, Barack Obama, der Großimam, der Schriftsteller Amos Oz, die deutschen Kirchenvertreter und die Spitzenpolitik des Landes sowieso, an diesem Freitag auch SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz. Im mehrheitlich säkularen Berlin wimmeln fröhlich die Christen, und trotzdem ist eine gewisse Verunsicherung zu spüren: Sind wir noch das, was wir sein wollen - Zeitansage, Ort des strittigen Diskurses? Oder hat das Treffen doch einiges von seiner Strahlkraft verloren?

Der Kirchentag hatte mit 140 000 Dauergästen gerechnet

Gut 106 000 Dauergäste hatten sich bis Kirchentagsbeginn angemeldet, 200 000 Menschen drängten sich am "Abend der Begegnung" in der Stadt, 80 000 feierten den gewesenen US-Präsidenten Barack Obama und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel - das sind beeindruckende Zahlen. Allein: Der Kirchentag hatte mit 140 000 Dauergästen gerechnet. Zum Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin kamen 200 000 Dauergäste; in Dresden zählte man 2011 immerhin 118 000.

Vor allem droht der große Abschlussgottesdienst in Wittenberg, dem Ort, an dem Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, ein recht kleiner Abschlussgottesdienst zu werden. Bis zu 200 000 Menschen passen dort auf die Elbwiese, die Bahn hat für den Sonntag die Strecke zwischen Berlin und der Lutherstadt für den normalen Verkehr gesperrt, die Bundeswehr wird eigens eine Pontonbrücke über die Elbe bauen.

Bislang sind aber nur 10 000 Bahnkarten verkauft. Viele Kirchentagsbesucher fürchten offenbar das Chaos der Massenreise von Berlin nach Wittenberg, andere finden wohl einen Sonnentag in der Hauptstadt attraktiver, und der Abschlussprediger, Erzbischof Thabo Makgoba, Primas der Anglikanischen Kirche in Südafrika, elektrisiert in Deutschland nicht die Massen. Mit 100 000 Teilnehmern rechne man, heißt es nun. Doch sollte das Fernsehen am Sonntag viele Rasenlücken zeigen, bliebe kein schöner letzter Eindruck vom Treffen.