Kirchen Kollekte per Karte

Der von der evangelischen Kirche in Berlin zum Patent angemeldete Digitale Klingelbeutel.

(Foto: dpa)

Die Evangelische Kirche Berlin meldet den von ihr entwickelten Digitalen Klingelbeutel zum Patent an. Das klimpernde Bargeld wird Gotteshäusern immer mehr zur Last.

Von Martin Zips

Es ist ja nicht so, dass sich in der Kirche nichts weiterentwickelt hätte, in den vergangenen 2000 Jahren. Bis ins 17. Jahrhundert noch waren die Gläubigen dazu angehalten, während der heiligen Messe ihre Spenden beim "Opfergang" vor aller Augen auf den Altar zu legen. Heute reichen Ministranten oder andere Helfer den Klingelbeutel diskret durch die Bankreihen oder warten nach dem Schlusssegen am Ausgang. Mal wird für eine neue Orgel gesammelt, mal für Missionare in Bolivien, mal für eine Bibelübersetzung in China. Hier gilt: Rascheln macht mehr Eindruck als Klimpern. Doch künftig dürften jene Gottesdienstbesucher besonders wahrgenommen werden, die den Funkchip ihrer Kredit- oder EC-Karte an den neuen "digitalen Klingelbeutel" halten. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat die von ihr entwickelte Almosenschaufel gerade europaweit zum Patent angemeldet.

"Überzeugend, nutzerfreundlich und sicher" nennt die Evangelische Bank die von ihr mitentwickelte, weltweit wohl einzigartige Kombination aus Sack und Karten-Terminal. Eine Pin sei nicht vonnöten, durch Drehen eines Rings am Beutel-stab seien bis zu 25 Euro Abbuchung möglich. Eine Spenden-App sowie (in manchen Gotteshäusern bereits übliche) magnetstreifenlesende Opferstöcke sollen das Angebot zusätzlich abrunden. Doch wozu der Aufwand? Wird immer weniger Geld eingesammelt? Bei der Deutschen Bischofskonferenz erklärt man, genaue Zahlen nicht zu kennen. Und bei der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es zu so vielen unterschiedlichen Themen Sammlungen, dass man den Überblick verliert.

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Kollekten sind keine christliche Erfindung. Schon im neunten Jahrhundert vor Christus, so ist es im Zweiten Buch der Könige belegt, waren die Besucher des salomonischen Tempels in Jerusalem dazu angehalten, Geld in einen Kasten zu werfen. Lästig war die Sammelei immer: Nicht nur, weil das Geklimper eine "Störung der Andacht" darstellt, wie der Prager Stadtrat bereits 1873 erkannte - und die Kollekte untersagte. Auch, weil es den Gläubigen sehr direkt mit der für ihn entscheidenden Frage konfrontiert: "Und was machst du so für die anderen?" Das kann nervig sein, gerade im Gottesdienst.

Andererseits fragt sich manch Gläubiger schon, ob die Kirche in Deutschland - trotz großzügiger staatlicher Unterstützung und milliardenschwerer Besitztümer - jetzt wirklich auch noch sein Kleingeld braucht. "Man weiß ja oft nicht, ob davon nur Kirchenkitsch gekauft wird oder die Armen unterstützt werden", sagt Hubertus Halbfas, katholischer Theologe und Buchautor ("Glaubensverlust").

Aber auch den Kirchen wird das Geld aus dem Klingelbeutel (erstmals im Jahr 1528 in einer Kirchenordnung erwähnt) mehr und mehr zur Last: "Oft müssen Gemeindevertreter weite Wege zurücklegen, um noch jemanden zu finden, der das Bargeld gebührenfrei entgegennimmt", sagt Heike Krohn-Bräuer, Sprecherin der Berliner Landeskirche. Im Herbst wird die Landessynode über die flächendeckende Einführung des digitalen Opferbeutels entscheiden. Hubertus Halbfas derweil plagen ganz andere Sorgen: "Was wird aus unserer Gesellschaft, wenn die Kirche mehr und mehr an Bedeutung verliert?"

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