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Kita-Betreuerin in Risikogruppe:"Gesundheit der Erzieherinnen fällt hinten runter"

Kindertagesstätte

Archivbild aus einer Kindertagesstätte

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Viele Eltern freuen sich, dass ihre Kinder bald wieder in die Kita können. Doch wie dabei Erzieherinnen geschützt werden sollen, die zur Risikogruppe gehören, ist unklar.

Interview von Hannah Beitzer

Immer mehr Kinder kehren in den nächsten Wochen in die Kitas zurück, ihre Eltern sind erleichtert. Aber nicht alle können sich darüber freuen. Milena Schneider (Name geändert), 41, ist Erzieherin und gehört wegen mehrerer Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Für sie wäre eine Ansteckung mit dem Corona-Virus besonders gefährlich

SZ: Viele Eltern freuen sich, dass ihre Kinder bald wieder in die Kita können - wie empfinden Sie die Debatte?

Milena Schneider: Ich kann die Erleichterung der Eltern sehr gut nachvollziehen. Und mir graust auch bei der Vorstellung, was in einigen Elternhäusern während des Lockdowns in Hinblick auf Kindeswohlgefährdung mit den Kindern passiert ist. Aber die Gesundheit der Erzieherinnen fällt völlig hinten runter. Wir können keinen Mundschutz tragen, insbesondere wenn wir mit Krippenkindern arbeiten. Wir können auch keinen Abstand zu den Kindern halten. Wir müssen sie trösten, auf den Schoß nehmen, wickeln. Wenn eines der Kinder das Corona-Virus mit in die Kita bringt, stecken wir uns an. Für jemanden wie mich kann das sehr gefährlich werden.

Sie gehören der Risikogruppe an - müssen Sie trotzdem arbeiten?

Ich bin gerade noch im Home Office, mache Konzeptionsarbeit, bilde mich online fort und arbeite an kleinen Projekten, um im Kontakt mit den Kindern und ihren Familien zu bleiben. Aber ich denke schon, dass ich früher oder später zurück beordert werde. Wie das dann aussehen wird, darüber spreche ich gerade mit meinem Arbeitgeber, denn der ist laut Arbeitschutzgesetz verpflichtet mir einen sicheren Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Einige Kolleginnen aus der Risikogruppe arbeiten allerdings schon wieder normal in der Gruppe, auch in anderen Kitas.

Woran liegt das?

Das Problem ist, dass jede selbst mit ihrem Arbeitgeber aushandeln muss, wie es für sie weiter geht. Viele wissen nicht um ihre Rechte oder sehen vielleicht auch ihr Beschäftigungsverhältnis gefährdet. Und es zeigt sich eine Mentalität, die meinen Berufsstand auszeichnet: Das Wohl der Kinder steht über dem eigenen. Viele Erzieherinnen gehen eher pflichtbewusst zur Arbeit als an sich selbst zu denken.

Eigentlich sollen Risikogruppen in den Kitas nach dem Willen der Politik besonders geschützt werden...

Ja. Das ist aber nur eine Empfehlung. Wie die Träger sie umsetzen sollen, ist leider völlig unklar. Eigentlich ist es unmöglich, alle Anforderungen zu erfüllen. Einerseits sollen Fachkräfte aus der Risikogruppe nicht beschäftigt werden. Es kommen aber gleichzeitig immer mehr Kinder zurück in die Kitas, die Gruppen sollen kleiner werden, sie dürfen sich nicht mischen, es gibt zusätzliche Hygienevorschriften. Dafür bräuchte es mehr Personal als in normalen Zeiten, nicht weniger. Wie sollen die Kitas da auf Leute wie mich verzichten?

Wie reagiert Ihr Arbeitgeber auf Ihre Situation?

Mein Arbeitgeber ist schon sehr bemüht, auf mich einzugehen. Aber die Kitas sind mit der Situation überfordert und die Zuständigkeiten wurden anfangs hin und her geschoben. Mein Träger hat mir zum Beispiel zu Beginn der Pandemie geraten, mich krankschreiben zu lassen. Mein Arzt aber meinte: Das gehe nicht, da ich nicht akut krank sei. Nach Vorlage eines Attestes, dass ich zur Risikogruppe gehöre, musste ich darum bitten in einem Bereich eingesetzt zu werden, in dem dem das Infektionsrisiko geringer ist. Das heißt: Mein Arbeitgeber muss selbst gucken, wie er mich aus der Gruppenarbeit heraushalten kann. Gleichzeitig muss er den steigenden Bedarf nach Betreuung decken, die Kolleginnen müssen die Dienste auffangen. Die Politik lässt die Kitas leider ziemlich allein.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Ich verstehe absolut, dass es auch für Politiker eine neue Situation ist, für die es kein Drehbuch gibt. Trotzdem kann es nicht sein, dass die Umsetzung der neuen Regeln allein an den Kitas hängen bleibt. Ich würde mir auch wünschen, dass meine Rechte als Erzieherin mit Vorerkrankungen klarer definiert sind: Muss ich nun im Gruppendienst arbeiten oder nicht? Wer bezahlt meinen Ersatz in der Gruppe? Und woher soll dieser Ersatz überhaupt kommen? Wir haben ja schon in normalen Zeiten Fachkräftemangel. Die Empfehlungen, wie sie die Politik im Moment herausgibt, helfen leider weder mir noch meinem Arbeitgeber.

Müssen in dieser Situation auch die Eltern solidarischer mit den Erzieherinnen sein?

Viele Eltern stehen sehr unter Druck und haben sich viel von der schrittweisen Öffnung der Kitas erhofft. Sie wurden schwer enttäuscht. Da bekommen die Kitas sehr viel Frust ab, für den sie nichts können. Es wäre schön, wenn einige Eltern differenzierter an das Thema herangingen. Wir denken uns schließlich die Regeln nicht aus! Vor allem aber sehe ich die Politik in der Pflicht. Sie muss die Regeln so gestalten und erläutern, dass alle sie verstehen können. Und dass es im Zweifelsfall nicht an den Erzieherinnen hängt, zu erklären, warum die Dinge gerade so sind wie sie sind.

© SZ/ick
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Illustration: Stefan Dimitrov

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