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Risikogruppen in der Corona-Krise:"Ich gehe nur noch raus, wenn es regnet"

Sie gehört zur Risikogruppe: Margarete Langowski

(Foto: privat)

Ihre Freunde können sich bald schon wieder im Biergarten treffen, doch Risikopatientin Margarete Langowski muss in der Isolation ausharren. Wie geht es ihr damit?

Für Margarete Langowski (Name von der Redaktion geändert), 28, gibt es in der Corona-Krise erst einmal keine Lockerungen. Die Grafikdesignerin gehört wegen bronchialer Überempfindlichkeit und Bluthochdruck zur Risikogruppe und erzählt, wie sie mit der Aussicht auf monatelange Isolation umgeht.

Ihre Geschichte hat die SZ über diese Umfrage erreicht, in der auch Sie Ihre Gedanken und Erlebnisse teilen können. Im kollektiven Tagebuch der Corona-Krise veröffentlicht die SZ seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer wieder Zuschriften, Videos und Sprachnachrichten von Leserinnen und Lesern.

SZ: Frau Langowski, wie geht es Ihnen nun, da sich überall in Deutschland Menschen über die Lockerungen freuen?

Margarete Langowski: Wenn mir Verwandte schreiben, dass sie endlich wieder zum Friseur können, bin ich nicht neidisch. Ich mache mir eher Sorgen, dass sie sich anstecken könnten. Andere Einschränkungen schmerzen mich aber sehr. Ich habe seit Ausbruch der Pandemie meine Eltern nicht mehr gesehen. Sie gehen weiterhin normal arbeiten. Für mich ist ein Kontakt daher zu riskant. Und wie gerne würde ich mich mit meinen Freunden im Park treffen! Oder im Außenbereich eines Restaurants sitzen! Stattdessen wird für mich die Isolation noch monatelang weitergehen. Denn ich sehe für mich keine Perspektive, wieder mehr Kontakt zu anderen Menschen zu haben, bevor es einen Impfstoff gibt.

Wie haben Sie den Ausbruch der Corona-Krise erlebt?

Im März wollte ich eigentlich für ein halbes Jahr nach Südamerika. Ich wollte in Patagonien wandern, Regenwälder und Wüsten sehen. Ich dachte noch zwei Tage vor meinem Abflug nach Chile: Wird schon irgendwie klappen. Dann wurden auf einmal alle Flüge gestrichen. Ich habe zu Beginn der Pandemie nicht realisiert, dass Corona für mich besonders gefährlich ist, mich im schlimmsten Fall sogar töten kann.

Wie äußert sich Ihre Krankheit?

Vereinfacht gesagt ist es so: Wo andere eine leichte Erkältung haben, bekomme ich asthmatische Anfälle und starken Husten. Auf einer Seite der Weltgesundheitsorganisation habe ich gelesen, dass ich mit Bluthochdruck zur Risikogruppe gehöre. Das war ein Schlag ins Gesicht. Seitdem schotte ich mich von der Außenwelt ab.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Situation reagiert?

Viele Freunde waren schockiert, als Sie erfuhren, dass ich zur Risikogruppe gehöre. Sie fragten: Aber was hast du denn? Man sieht mir meine Vorerkrankung ja nicht an. Einmal kündigte ein Freund an, mich im Mai zu meinem Geburtstag zu besuchen. Als ich meinte, dass das keine gute Idee sei, war er sauer. Das fand ich sehr verletzend. Seitdem sage ich immer, wenn ich ein Treffen wegen Corona absage: Bitte nimm es nicht persönlich. Ich habe aber eine Freundin, die mich einmal die Woche besucht und sonst zu niemandem Kontakt hat. Wir verbringen dann einen schönen Tag auf der Terrasse, heulen uns auch mal aus. Das hilft mir sehr.

Was hilft Ihnen sonst noch in der Isolation?

Die Freunde, die anrufen und Videokonferenzen organisieren. Ich würde mir sehr wünschen, dass das so bleibt, wenn sie wieder öfter nach draußen können - und ich trotzdem drinnen bleiben muss. Außerdem gehe ich gern Wandern. Es ist allerdings nicht so einfach, dabei Distanz zu halten. Denn selbst die Wege, die ich vor Corona bei bestem Wetter für mich hatte, sind plötzlich voller Menschen.

Weil halb Deutschland jetzt in der Krise das Wandern für sich entdeckt hat.

Ja, genau. Ich gehe inzwischen nur noch raus, wenn es regnet. Dann habe ich die Straßen und Wege für mich allein, auch wenn ich hinterher völlig durchnässt bin. In den Supermarkt gehe ich auch nur noch um 22 Uhr, wenn die meisten anderen Menschen schon zu Hause sind.

Wie werden die kommenden Monate für Sie aussehen?

Mir das auszumalen, fällt mir schwer. Womöglich wird zum Beispiel meine Freundin irgendwann sagen: Jetzt will ich auch mal wieder andere Leute sehen. Ich würde diesen Wunsch voll und ganz verstehen. Aber für mich würde es bedeuten, dass ich sie nicht mehr sehen kann. Dann wäre ich ganz alleine. Ich werde auch traurig, wenn ich daran denke, dass sich meine Clique irgendwann am See trifft und ich nicht dabei sein kann. Gegen diese Gefühle hilft mir das Schreiben enorm, ich habe mein eigenes Corona-Tagebuch. Außerdem habe ich Kontakt zu einer Psychotherapeutin aufgenommen. Ich glaube, dass es gerade wichtig ist, regelmäßig mit jemandem über die eigenen Gefühle zu sprechen. Und Hilfe von außen anzunehmen.

© SZ
Teaser Kollektives Tagebuch

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