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Katholische Kirche:Das System des Vertuschens ist immer noch stark

Gutachten über sexuellen Missbrauch im Bistum Aachen

Ein neues Gutachten belastet ehemalige Bischöfe und Generalvikare wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsfällen.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Ein Gutachten attestiert dem Bistum Aachen schwere Versäumnisse im Umgang mit Missbrauchsfällen - und nennt endlich auch Namen der Verantwortlichen. Aber der Mut des Bischofs setzt einen neuen Standard.

Kommentar von Matthias Drobinski

Jesu Worte waren harte Brocken für seine Jünger. "Diese Rede ist hart", sagten sie, "wer kann sie hören?" Der ehemalige Aachener katholische Bischof Heinrich Mussinghoff klingt nun nicht anders, wenn ihm ein Gutachten systemische Verantwortungslosigkeit im Umgang mit Fällen von sexueller Gewalt vorwirft. Und es stimmen die Kritiker in Köln, wo ein vergleichbares Gutachten unter Verschluss bleiben soll, mit ein: Geht das nicht freundlicher? Mit mehr Distanz? Warum berücksichtigt ihr nicht die Zeitumstände? Es war doch nicht alles schlecht!

Ja, man kann immer über Formulierungen streiten. Aber wenn man den Auftrag des Bistums Aachen an die Münchner Kanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl ernst nimmt, muss man sagen: Es ging nicht sanfter.

Das Gutachten fragt: Was geschah, um Betroffenen zu helfen?

Denn die Untersuchung in Aachen wechselt grundsätzlich die Perspektive. Sie fragt nicht mehr zuerst, was Bischof, Generalvikar, Personalchef alles unternommen haben, wenn es Vorwürfe gegen einen Priester gab. Das Gutachten fragt: Was geschah, um den Betroffenen der Gewalt zu helfen? Und was, damit es möglichst keine weiteren Opfer gibt? Es ist die Perspektive der verletzten Menschen. Insofern ergreifen die Gutachter Partei - für die Schwachen, auf deren Seite zu stehen die Kirche so stolz ist.

Aus dieser Perspektive ist die Bilanz deprimierend für die Kirchenverantwortlichen. Bis weit in die 2010er-Jahre hinein ging es um die Probleme der straffälligen oder verdächtigen Priester, nicht um das Leid der Opfer. Die galten als Störenfriede. Skandale mussten um jeden Preis vermieden werden, auch wenn dafür mal ein Kirchenzeitungs-Chefredakteur gemaßregelt wurde. Problem-Priester wurden einfach versetzt, ins Nachbarbistum, ins Ausland, wo sie weitere Taten begingen. Der Bund der Brüder schützte sie. Es schützte sie die Unfähigkeit ihrer Vorgesetzten, über Sexualität zu reden. Es schützte sie der Irrglaube, dass die Kirche heilig, rein und unbeschmutzt bleiben müsse.

Persönliche Fehler? Keinesfalls!

Das sind keine neuen Erkenntnisse. Neu ist, dass die Münchner Anwälte Fehler und Versäumnisse mit konkreten Namen und Gesichtern verbinden. Liest man die Antwort von Bischof Mussinghoff - es ist ein Gebot der Fairness, sie mitzuveröffentlichen -, dann endet hier seine Akzeptanz. Ja, es gab Fehler, so war die Zeit. Aber ich persönlich? Keinesfalls!

Der Aachener Bischof war nicht schlechter als seine Amtsbrüder. Er hat manches richtig gemacht, auch das steht im Gutachten. Er durchbrach aber nicht das System, ihm fehlte der Mut dazu. Dass er bis heute keinen Fehler zugeben kann, zeigt, wie stark dieses System noch ist.

Umso mutiger ist der Schritt des jetzigen Aachener Bischofs Helmut Dieser und seines Generalvikars Andreas Frick, diesen Bericht zu veröffentlichen. Aachen setzt damit einen Standard - und lässt die Argumente des benachbarten Erzbistums Köln bröckeln. Dort hält Kardinal Rainer Maria Woelki ein gleichartiges Gutachten derselben Münchner Kanzlei zurück, weil es angeblich mangelhaft sei. Es spricht viel dafür, dass das stärkste Motiv für die Kölner Verantwortlichen die Unfähigkeit ist zu sagen: Ich habe Fehler gemacht. Und ich übernehme dafür Verantwortung.

© SZ/fie
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