Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs Der Sonderstatus der Kirche muss ein Ende haben

Der Schuldspruch gegen den australischen Kurienkardinal George Pell zeigt: Es braucht den Rechtsstaat, um aufzuräumen mit klerikalem Filz und Selbstgerechtigkeit in der katholischen Kirche.

Kommentar von Jan Bielicki

Das Boulevardblatt Daily Telegraph aus Sydney hob in ganz fetten Lettern auf die Titelseite: "Es ist die größte Geschichte der Nation". In der Tat, was australische Medien lange nicht schreiben durften, ist ein wichtiges Ereignis nicht nur für das Land down under, sondern weit darüber hinaus. Schließlich war George Pell der bekannteste und bedeutendste Kirchenmann des fünften Kontinents - und ist jetzt, nach seiner Verurteilung, Australiens berüchtigtster Kleriker. Sein Name steht für die Abgründe, in die der erschreckend weit verbreitete Kindesmissbrauch und dessen langjährige Vertuschung die katholische Kirche gezogen haben. Der Fall zeigt exemplarisch: Die Kirche ist unfähig, den Missbrauchsskandal selbst aufzulösen. Es braucht dazu Staat und Justiz.

Zwei Chorknaben soll der damalige Erzbischof in der Sakristei der St.-Patrick-Kathedrale von Melbourne vor 22 Jahren sexuell missbraucht haben. Nachdem das Gericht eine Maulkorbverfügung aufgehoben hat, dürfen die Medien nun darüber berichten, dass eine Jury Pell schuldig gesprochen hat. Ausgerechnet George Pell. Der bullige Priester war eigentlich der Mann, der in Australiens katholischer Kirche aufräumen sollte - nachdem etliche, von der Kirchenhierarchie meist vertuschte Fälle bekanntgeworden waren, in denen Priester Kinder vergewaltigt hatten.

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Katholische Kirche

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Das Urteil erging bereits im Dezember, ist wegen einer Nachrichtensperre aber erst jetzt öffentlich. Pell war vor Beginn des Verfahrens die Nummer drei im Vatikan.

Pell war derjenige, der ein weltweit einmaliges, wenn auch unzureichendes System zur Entschädigung der Opfer einrichtete und wortreich "Nulltoleranz" gegen die Täter in Talaren predigte. Doch gegen echte Transparenz im geschlossenen System Kirche hat sich der stramme Konservative gewehrt. Er stellte sicher, dass Australiens Bischöfe den Traditionalisten in der Weltkirche verbunden blieben, zu deren einflussreichem Wortführer er wurde.

Daheim jedoch war der mächtige Kurienkardinal längst eine Symbolfigur für all das, was faul ist in der Kirche. Australien ist kein sehr religiöses Land, ein Drittel seiner Bewohner bezeichnen sich als konfessionslos. Etwa jeder vierte bis fünfte gehört der katholischen Kirche an. Sie ist damit zwar die größte Religionsgemeinschaft des Landes. Aber ob und an welchen Gott ein Politiker glaubt, spielt in Australien, wohl der multireligiösen Wählerschaft wegen, keine Rolle.

Die Aufklärung den Schuldigen zu überlassen ist falsch

Es war erst der Staat, der das ganze Ausmaß sexuellen Missbrauchs durch Priester aufdeckte. Vom Parlament eingesetzt, wühlte sich eine Untersuchungskommission jahrelang durch alle Hinweise auf Gewalt und sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in weltlichen und kirchlichen Institutionen. Sie befragte Tausende Opfer und Zeugen, und ihr Abschlussbericht belegt auf Zehntausenden, oft erschütternden Seiten beispielhaft vor allem eines: Es wäre falsch und würde zu nichts führen, die Aufklärung der Missbrauchsverbrechen und deren Hintergründen eben den Einrichtungen zu überlassen, die daran schuld waren. Die katholische Kirche hat das in Australien genauso wenig geschafft wie anderswo - sie beruft sich immer noch auf Sonderprivilegien wie das Beichtgeheimnis, dessen Abschaffung die parlamentarische Kommission gefordert hat.

Richtig aufklären aber kann nur ein demokratischer Rechtsstaat, und dafür ist es nie zu spät. Wie immer das Verfahren Krone vs. George Pell in der Berufung ausgehen mag: Dies ist mehr als nur die große Geschichte vom Aufstieg und Fall eines australischen Kardinals.

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