Gerichtsprozess:Viele Hundert Jahre Haft für Mafiosi und ihre Helfer

Gerichtsprozess: Beamte hören zu, wie die Vorsitzende Richterin in Lamezia Terme stundenlang die vielen Urteile verliest.

Beamte hören zu, wie die Vorsitzende Richterin in Lamezia Terme stundenlang die vielen Urteile verliest.

(Foto: Valeria Ferraro/dpa)

Es war einer der größten Mafia-Prozesse aller Zeiten, mehr als 300 Mitglieder der 'Ndrangheta und ihre Unterstützer standen in Italien vor Gericht. Unter den Verurteilten ist auch ein Berlusconi-Gefolgsmann.

Von Marc Beise, Rom

Es war ein Prozess der Superlative, der am Montag in Kalabrien endete, und er sollte die Mafia und ihre Unterstützer in der italienischen Gesellschaft das Fürchten lehren. Vor beinahe vier Jahren, am 19. Dezember 2019, waren in einer spektakulären Großrazzia mit dem Namen "Rinascita Scott" in Italien und im Ausland, auch in Deutschland, Hunderte Beschuldigte verhaftet worden. Im Januar 2021 begann in der kalabrischen Stadt Lamezia Terme der Prozess, für den eigens ein ehemaliges Callcenter in eine aula bunker umgebaut wurde. Hinten in dem lang gestreckten Saal saßen die 338 Angeklagten hinter Gittern, davor die Anwälte und Ankläger, und ganz vorn die Richter. Gefordert wurden insgesamt 4700 Jahre Gefängnis, verhängt am Ende viele Hundert Jahre. Ein ähnlich ambitioniertes Verfahren hatte es zuletzt in den 1980er-Jahren in Sizilien gegeben.

Verhandelt wurden unter anderem Mord, Drogenhandel, Geldwäsche, Korruption bei staatlichen Bauaufträgen und die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation - alles, was die Organisierte Kriminalität so zu bieten hat. Das Besondere an diesem Prozess war neben der großen Zahl der Angeklagten auch sein Anspruch. Dieses Mal sollte es nicht nur gegen die Bosse gehen, sondern auch gegen ihre Unterstützer in Politik und Verwaltung. Dafür hatten die Ankläger viele Tausend Seiten Unterlagen zusammengetragen und mehr als 50 Kronzeugen dazu gebracht, gegen ihre früheren Kumpane auszusagen.

So galten denn auch die ersten Urteile in der stundenlangen Verkündung durch die Vorsitzende Richterin einem Oberstleutnant der Carabinieri, der zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt wurde (acht Jahre hatte die Staatsanwaltschaft gefordert), einem ehemaligen Regionalrat, der ein Jahr und sechs Monate bekam (gefordert waren 20 Jahre) und einem ehemaligen Finanzier: zehn Jahre und sechs Monate (beantragt waren 17 Jahre). Es wurden aber auch Politiker freigesprochen, für die die Staatsanwaltschaft teilweise hohe Haftstrafen gefordert hatte.

Besondere Aufmerksamkeit findet in Italien die Verurteilung des konservativen Politikers Giancarlo Pittelli, eines ehemaligen Parlamentsabgeordneten der Regierungspartei Forza Italia, die einst vom späteren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gegründet worden war. Der milliardenschwere Bau- und Medienunternehmer Berlusconi war immer wieder mit der Mafia in Verbindung gebracht worden und ist im Sommer gestorben. Sein Gefolgsmann Pittelli erhielt nun wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung elf Jahre Haft (gefordert waren 17 Jahre).

Im Kern des Geschehens standen die Mafiabosse und ihre Vollstrecker, konkret Mitglieder des Mancuso-Clans aus dem Ort Vibo Valentia, eines Arms der 'Ndrangheta, die in Kalabrien ihre Basis hat und sich noch vor der sizilianischen Cosa Nostra und der neapolitanischen Camorra zu einem global operierenden Kartell mit einem geschätzten Jahresumsatz von angeblich mehr als 50 Milliarden Euro entwickelt hat. Ihnen galten die schwersten Strafen, teilweise je 30 Jahre für die Bosse örtlicher Netzwerke. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Clan-Boss Luigi Mancuso, genannt "der Onkel", ist aber abgetrennt worden, das Urteil steht noch aus.

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