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Corona und Mafia:Vom Versuch, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken

Pasquale Zagaria, Mafiaboss, Polizeifoto von ca. 2012

Mafiosi wie Pasquale Zagaria (das Polizeibild stammt von 2012), genannt "Bin Laden", kamen wegen Corona frei.

(Foto: Polizei/Polizei)

Wegen der Corona-Pandemie in Italien kamen fast 400 Mafiosi aus überfüllten Gefängnissen in den Hausarrest. Aus Versehen offenbar. Jetzt versucht der Justizminister, den Schaden wiedergutzumachen.

Von den vielen bizarren Geschichten, die sich im Schatten von Corona zutragen, ist eine besonders unfassbar. Wenigstens nach dem Dafürhalten der Italiener. In den vergangenen eineinhalb Monaten sind 376 Mafiosi aus den überfüllten Gefängnissen des Landes entlassen worden, damit sie ihre Strafen für eine Weile in milderen Regimes absitzen können - im Hausarrest, daheim in Kalabrien, Sizilien oder Kampanien.

Alte und kranke Mitglieder der drei großen italienischen Kartelle sind dabei: der 'Ndrangheta, Cosa Nostra und der Camorra. Aber auch einige jüngere. Kleine und große Fische, auch ganz große. Drei von ihnen saßen davor in "41bis", der härtesten Isolationshaft in der westlichen Welt, weil man die Männer auch nach langer Haft noch immer für so gefährlich hielt, dass sie ganz von der Außenwelt abgeschnitten wurden. Einer von ihnen ist Pasquale Zagaria, der frühere Schatzmeister des Clans der Casalesi aus dem Hinterland Neapels, 60 Jahre alt, krebskrank. Man nennt ihn auch "Bin Laden".

Die seltsame Geschichte beginnt kurz nach der Verhängung des Lockdown, am 21. März. In den italienischen Haftanstalten kam es zu Revolten, es gab dabei sogar Tote. Die Häftlinge protestierten, weil ihre Familien nicht mehr zu Besuch kommen durften und weil sie fürchteten, dass ein Ausbruch von Covid-19 bei den engen Verhältnissen schnell fatal werden könnte. In den italienischen Gefängnissen wäre eigentlich nur Platz für etwa 47 000 Insassen, doch sitzen mehr als 60 000 ein.

So verfügte das Justizministerium, dass aus Gründen der Gesundheitsvorsorge die Belegung der Anstalten etwas ausgedünnt werden solle, für die Zeit der Krise jedenfalls. Profitieren sollten vor allem Insassen, die kurz vor Haftende standen und solche, die schwer krank waren und einen Antrag auf Hafterleichterung stellten.

Der Passus mit der Mafia ging im Rundschreiben verloren

Im Dekret hieß es auch, dass Mitglieder der Mafia ausgenommen seien. Doch dieser Passus ging im Rundschreiben der Gefängnisbehörde, das die praktische Handhabung der Regelung erklären sollte, offenbar verloren. Strafvollzugsrichter überall im Land bezogen sich auf das Rundschreiben. Für etwa 6000 Insassen öffneten sich anschließend die Zellen. Und, eben, für 376 Mafiosi.

Von dieser eindrücklichen Zahl hat die römische Zeitung La Repubblica erfahren, ihr wurde die Liste der Namen zugespielt. Und natürlich steht nun jener Mann im Zentrum aller Kritik, der für den Strafvollzug in oberster Instanz zuständig ist: Alfonso Bonafede, 44, Sizilianer, Anwalt und seit zwei Jahren italienischer Justizminister von den Cinque Stelle, jener populistischen Bewegung, die mit mehreren sozialdemokratischen und linken Parteien die Regierung stellt.

Bonafede will jetzt ein Dekret erlassen, mit dem die freigelassenen Mafiosi ganz schnell wieder zurück in die Gefängnisse gebracht werden können, die sanitäre Lage habe sich unterdessen verändert. Doch ob ihm das gelingt? Die Gefahr ist groß, dass einige dieser Herrschaften untertauchen. Immerhin sind sie daheim in ihrem vertrauten Wirkungsgebiet, wenn auch bewacht von der Polizei.

Was Bonafede gerade versuche, sei, so schreibt La Repubblica, die herausgequetschte Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken. Zwar wirft ihm niemand vor, er habe die Entlassung der Mafiosi mutwillig in Kauf genommen. Vorgeworfen wird ihm aber Unbedarftheit und Dilettantismus - und das ist in der Politik fast ebenso schlimm.

Es gibt Rücktrittsforderungen, und zwar von allen Seiten. Doch die Personalie ist brisant. Bonafede ist ein enger Vertrauter von Premier Giuseppe Conte. Die beiden kennen sich seit gemeinsamen Zeiten an der Universität in Florenz, Fakultät der Rechtswissenschaften, wo sie beide forschten und dozierten. Bonafede war es gewesen, der Conte einst den Spitzen der Cinque Stelle vorgestellt hatte. Nun ist der Mentor zum Problem geworden.

© SZ/olkl/afis
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