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Streunende Tiere in der Türkei:Flasche rein, Futter raus

Katze in der Hagia Sophia Tierschutz Türkei

Wahrzeichen trifft Wahrzeichen: Straßenkatze in der Hagia Sophia in Istanbul.

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Auch die berühmten streunenden Katzen und Hunde von Istanbul leiden unter Corona: Die Menschen bleiben zu Hause und füttern sie nicht. Ein Unternehmer hat nun einen Automaten entwickelt.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Gut, es gibt die Hagia Sophia, den Topkapı-Palast und den Galata-Turm. Aber das wirkliche Markenzeichen von Istanbul sind die Streuner und Kläffer: halbwilde Katzen und Hunde, die das ganze Jahr über auf der Straße leben. Und das nicht einmal schlecht. Die Straßenköter etwa sind meist groß und gut genährt, liegen auf Plätzen und Straßen in der Sonne und damit im Weg, oder sie schleichen in Gesellschaft unzähliger Katzen um die Abfalltonnen von Restaurants, Metzgereien und Wohnhäusern herum.

Mit der Corona-Pandemie - und damit mit dem Stillstand von weiten Teilen des öffentlichen Lebens - wurde es für die Tiere im Sommer aber eine Zeit lang eng. Die Restaurants waren geschlossen, die Mülltonnen und Container blieben leer, die Menschen, die die Streuner Tag für Tag zusätzlich füttern, durften oft nicht aus dem Haus. Im Winter könnte je nach Seuchenlage Ähnliches geschehen.

Umweltschutz trifft Tierliebe

Weshalb ein findiger Unternehmer jetzt verstärkt Werbung für seine Futterautomaten macht. Die dienen dem Tier- und dem Umweltschutz im Doppelpack. Denn die mit Solarenergie betriebenen Futterautomaten sind zugleich Recyclingcontainer für Plastikflaschen und Getränkedosen. Unternehmer Mehmet Akay sagt: "So verknüpfen wir Umweltschutz und Tierliebe."

Oben Flasche rein, unten Futter raus: Unternehmer Mehmet Akay vor einem seiner Recycling-Futter-Automaten.

(Foto: Mehmet Akay/privat)

Seit der Pandemie laufe das Geschäft mit den Automaten besser, sagt Akay: "Das dürfte in der Corona-Zeit auch der Mitleidseffekt mit den Tieren sein." Weil in der Türkei laut Tierschutzgesetz seit 2004 die Stadtteilverwaltungen für das Wohlergehen der von den Bürgern über alles geliebten Straßentiere verantwortlich sind, kam Akay einige Jahre später auf die Idee, den Behörden seine Futter- und Tränkautomaten zu verkaufen und gleichzeitig etwas für den Umweltschutz zu leisten: Die Bürger werfen ihre leeren Flaschen und Getränkedosen ein und finanzierten so das Futter für Hunde und Katzen zumindest in Teilen mit, es fällt unten am Gerät maulgerecht auf ein Blech. "Plastikflaschen, Glas und Dosen werden oben eingeworfen", so Akay, "und sie kommen als Futter und Wasser für unsere geliebten Freunde wieder heraus."

Akays Unternehmen Pugedon verkauft seine "Mamamatik" genannten Apparate teils direkt an Stadtteilverwaltungen wie die von Istanbul, teils treten Firmen wie Turkish Airlines als Sponsoren für die Geräte auf und drucken dafür ihre Logos auf die mannshohen Kästen. Seit 2014 hat Akays Firma rund 1000 der umgerechnet etwa 1400 Euro teuren Geräte verkauft, davon 55 an die Istanbuler Stadtverwaltung.

Die Tiere begriffen schnell, dass die orangefarbenen Kästen eine ebenso zuverlässige Futterstelle seien wie Abfalltonnen und Müllsäcke, sagt der Unternehmer. Da die Straßenkatzen und -hunde ihr Futter ohnehin in der Nähe der Menschen suchten, gingen sie auch problemlos zum Trinken und Fressen an die Automaten am Straßenrand.

Fast 300 000 streunende Tiere leben in Istanbul

So, wie es aussieht, hat Akays Geschäft in Istanbul Zukunft. 2018 gab es in der Stadt am Bosporus 128 000 Straßenhunde, fast so viele wie die allgegenwärtigen Straßenkatzen: Von denen lebten vor zwei Jahren 162 970 in der Stadt. Sie sind mit Sicherheit nicht weniger geworden. Denn Hunde und Katzen gehören zum Straßenbild wie der Ladenbesitzer an der Ecke. Auf den Gehwegen haben so manche Anwohner Plastikboxen aufgestellt, auf denen "Katzenhaus" oder "Katzenpalast" steht, daneben gut gefüllte Schüsseln mit Futter und Wasser.

Die Streuner zu ernähren ist keineswegs nur Lebensinhalt vereinsamender Rentner, viele Anwohner tun es. Weshalb, so Akay, seine Automaten doppelt Sinn hätten: Die Tiere würden ernährt, und die Abfallflut würde kontrolliert. Es dauere Hunderte Jahre, bis sich eine Plastikflasche auflöse. "Statt die Plastikflasche in die Natur zu werfen, kommen sie in die Futterautomaten und werden recycelt."

© SZ/nas
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