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Hitzewelle:"Man kann nichts mehr anfassen, nicht mal das Werkzeug"

Hagelschäden in Inning

Dachdecker sind, wie hier in Inning am Ammersee, Sonne und Hitze besonders ausgesetzt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Von wegen zu heißes Büro: Am Arbeitsplatz von Melanie Bernhardt herrschen schon mal 74 Grad Celsius. Wie die Dachdeckerin mit der extremen Hitze umgeht.

Interview von Moritz Geier

Büromenschen haben die Angewohnheit, bei Hitze besonders laut zu jammern, dabei gehören sie gar nicht zu den von übermäßiger Sonneneinstrahlung besonders betroffenen Berufsgruppen. Melanie Bernhardt, 44, ist Dachdeckermeisterin in Frankfurt am Main und sie hat in den heißen Sommermonaten nicht nur mit der Hitze über den Häusern zu kämpfen. Sondern auch mit dem Unverständnis mancher Kunden.

SZ: Hallo, Frau Bernhardt, Süddeutsche Zeitung hier, haben Sie denn gerade Zeit?

Melanie Bernhardt: Ja, passt wunderbar, wir sind schon drinnen. Es ist nämlich schon wieder viel zu heiß zum Arbeiten.

Im Juni 2019 haben Sie ein Bild auf Instagram gepostet: Ihr Messgerät zeigte 74,8 Grad Celsius an.

Ja, das war die Oberflächentemperatur auf einem Schieferdach. Die Luft war damals nicht so heiß, es hatte 40 Grad, aber das Dach hatte sich über mehrere Tage aufgeheizt und eine enorme Hitze abgestrahlt.

Und Sie haben auf dem Dach noch gearbeitet?

Nein, wir haben damals abgebrochen, viel zu heiß. Man ist körperlich ausgelaugt, kann auch nichts mehr anfassen, nicht mal das Werkzeug. Viele Materialien lassen sich bei den Temperaturen auch gar nicht mehr verarbeiten. Und man kann sich nicht mehr konzentrieren, merkt gar nicht mehr, was man macht, läuft so ein bisschen wie ferngesteuert, weil der Körper einfach runterfährt. Viele merken deswegen gar nicht, wenn sie auf einen Hitzschlag oder Sonnenstich zusteuern.

Was auf dem Dach natürlich besonders brenzlig ist.

Klar, Sie können ja auch runterfallen. Man muss vorsichtig sein, damit es so weit gar nicht erst kommt. Wenn einem schlecht wird auf dem Dach, ist das nicht so schön.

Melanie Bernhardt, Dachdeckerin in Frankfurt am Main. Credit: privat.

Melanie Bernhardt, 44, Dachdeckermeisterin aus Frankfurt am Main, leitet zusammen mit ihrem Bruder einen kleinen Familienbetrieb mit vier Mitarbeitern.

(Foto: privat.)

Wann ist denn der Punkt erreicht, an dem Sie Ihre Arbeit abbrechen?

Wir müssen einfach achtsam sein, auch auf die Kollegen schauen und dann die Notbremse ziehen. Aber grundsätzlich entscheidet das jeder Mitarbeiter für sich selber. Manche vertragen die Hitze besser als andere. Jedes Dach ist auch anders, wenn man Glück hat, liegt es ein bisschen im Schatten. Bei Häusern in der prallen Sonne ist das Arbeiten bei 30 Grad oft schon nach einem halben Tag nicht mehr möglich.

Da hilft auch Sonnencreme nicht.

Wir schützen uns außer mit Sonnencreme auch mit Sonnenhut, Sonnenbrille, Sonnensegel oder Sonnenschirm und UV-Schutz-Shirts - und trinken jede Menge Wasser. Vergangenen Sommer haben wir teilweise fünf, sechs Liter am Tag getrunken, aber man muss nicht aufs Klo. So viel schwitzt man da.

Könnten Sie Ihre Arbeitszeiten am Tag nicht anpassen?

Im Industriegebiet kann man das schon machen, in der Innenstadt ist das aber schwierig. Wenn Sie in der Früh Lärm machen, dann regen sich die Anwohner auf und die Polizei steht vor der Tür. Vor sieben Uhr macht es daher keinen Sinn.

Die Grünen haben im vergangenen Jahr ein "Recht auf Hitzefrei" auch für die Baubranche gefordert.

Klar, hitzefrei klingt gut. Aber das Problem ist: Das muss ja auch finanziert werden. Die Betriebe müssen auch Geld verdienen. Wenn wir im Sommer drei Monate nur sechs statt neun Stunden am Tag arbeiten, dann fehlt nicht nur dem Betrieb das Geld, sondern auch dem Mitarbeiter. Immerhin können wir über unsere Sozialkasse im Dachdeckerhandwerk seit diesem Jahr bei Hitze auch ein wetterbedingtes Ausfallgeld in Höhe von 75 Prozent des Stundenlohns beantragen.

Was bisher nur im Winter möglich war.

Genau. Die Winter werden aber immer wärmer, die vergangenen zwei, drei Winter hatten wir eigentlich gar keinen Schlechtwetterausfall mehr. Mit dem Ausfallgeld im Sommer haben wir jetzt die Möglichkeit, auch mal Schluss zu machen, ohne schlechtes Gewissen zu haben.

Die Kunden haben da doch sicher Verständnis, oder?

Nicht alle. Wir haben Kunden, die stellen uns Getränke hin und einen Schirm in den Garten. Es gibt aber leider immer wieder auch Kunden, die sich beschweren, dass man zu viele Pausen macht. Die rufen dann im Büro an und sagen: Ihre Mitarbeiter sitzen schon wieder rum.

Ganz schön dreist.

Viele wissen einfach nicht, was das bedeutet, körperliche Arbeit. Vor ein paar Jahren kam uns während einer 40-Grad-Woche mal eine Frau im Treppenhaus entgegen, als wir gerade auf dem Weg aufs Dach waren, und sagte: "Ach, Sie haben's gut. So schön da draußen, den ganzen Tag an der Sonne!"

© SZ/vwu

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