SZ-Kolumne "Bester Dinge":Klappstuhl-Krach mit Happy End

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In Heidelberg verscheucht die Obrigkeit einen 104-Jährigen von seinem Stammplatz vor seinem Haus - Ordnung muss sein. Doch dann legt die Stadt eine Kehrtwende hin.

Von Oliver Das Gupta

Ein kurzer Exkurs in die Lebenswirklichkeit des deutschen Kaiserreichs: Damals besaßen wenige Männer viel und die meisten Menschen wenig, Frauen durften nicht wählen, die Geburtenrate war hoch, die Kindersterblichkeit auch. Keine "gute alte Zeit". Über Deutschland miefte Spießigkeit als Lebensgefühl. Und durch die Straßen stolzierten pickelbehaubte Gendarmen, die dafür sorgten, dass es so blieb.

Und damit zu Kurt Baust. Der wurde 1916 - zu Kaisers Zeiten - geboren. Bald 105 ist er, Heidelbergs ältester Mensch. Jetzt sorgte der Senior für Aufsehen: Baust setzte sich vor sein Altstadt-Haus in der Pfaffelgasse auf einen Klappstuhl. So wie er und Nachbarn das schon seit Jahrzehnten machen. Man sitzt da, trinkt und plauscht. Nun trat die Obrigkeit auf den Plan: Der Kommunale Ordnungsdienst verbot die Gassen-Sitzerei. Man wolle "Biergarten-Chaos" verhindern, wie die Rhein-Neckar-Zeitung die Stadtverwaltung zitierte. Nachbarn hätten gemeckert, nichts dürfe die Gehwege blockieren - dass viel breitere Autos in der Gasse parken, schien aber okay zu sein. Der Kaiser wäre wohl entzückt ob der spießigen Strenge.

Die Geschichte des 104-Jährigen, der von seinem Stammplatz vertrieben wird, wurde publik, peinlich für Heidelberg. Die Stadtregierung griff ein, Kehrtwende. Künftig werde der Ordnungsdienst nur noch bei Gefahr im Verzug tätig werden, Stichwort Rettungswege, hieß es. Kurt Baust darf also vor seinem Haus sitzen. In seiner Gasse wurde übrigens der Sozialdemokrat Friedrich Ebert geboren. Mit dessen Regierungsübernahme 1918 endete das Kaiserreich.

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© SZ/vwu
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