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SZ-Kolumne "Bester Dinge":Brücke, handgemacht

(Foto: Cusco Regional Government/Reuters)

Handarbeitsunterricht ist doch nicht überflüssig: In Peru wird jedes Jahr eine Hängebrücke neu gewebt, um Gemeinden miteinander zu verbinden.

Von Violetta Simon

Gibt es auf dieser Welt eigentlich eine Person, die gerne auf den Handarbeitsunterricht zurückblickt? Schwitzige Hände an Stricknadeln, gefangen in zu engen Maschen. Gerissene Fäden und verhedderte Garne, die von der Lehrerin mit dem Spruch "Langes Fädchen, faules Mädchen!" kommentiert werden. Und dann dieser Webrahmen, der eigentlich einen Traumfänger produzieren sollte, am Ende aber lediglich ein unförmiges, verfilztes Etwas ausspuckt.

Bei solchen Erinnerungen könnte man glatt vergessen, wie hilfreich es sein kann, wenn man in der Lage ist, etwas mit den eigenen Händen aus Wolle oder Garn zu gestalten. Zum Beispiel haben Mitglieder der Quechua-Gemeinschaft in Peru gerade wieder eine alte Inka-Hängebrücke instandgesetzt - aus Grasfasern, mithilfe einer traditionellen Webtechnik.

Die Q'eswachaka-Brücke verband erstmals vor 500 Jahren die Gemeinden auf beiden Seiten des Apurimac-Flusses. Und obwohl sie in den Siebzigerjahren durch eine stabilere Brücke ergänzt wurde und praktisch nicht mehr genutzt wird, knüpfen die Peruaner sie ihrer Tradition gemäß jedes Jahr im Juni neu - hauptsächlich, um die Göttin Pachamama nicht zu verärgern.

Eine Brücke flechten: Das ist mal was anderes als halb fertige Topflappen oder kratzige Pullunder. Was könnte man nicht alles miteinander verbinden, hätte man nur besser aufgepasst im Handarbeitsunterricht. Zum Beispiel die oberpfälzische Gemeinde Barbing mit der Stadt Neutraubling, deren Bewohner eine Autobahn voneinander trennte. Inzwischen wurde mit Beton, Zeit und Mühe eine Brücke gebaut. In dieser Zeit hätte eine begabte Handarbeitsgruppe vermutlich einen Kreisverkehr dazu geflochten.

Ohnehin wäre das praktischer: Möchte man eine Verbindungen wieder lösen, könnte man so eine hübsch gewebte Brücke einfach auftrennen.

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© SZ/feko
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