Vegetarismus in Frankreich Wenn militante Veganer Metzger angreifen

„Metzger ist kein Beruf“, steht auf dem T-Shirt eines militanten Tierschützers, der mit einem toten Ferkel vor einer Metzgerei in Paris demonstriert.

(Foto: Jacques Demarthon/AFP)
  • In Frankreich tobt ein ideologischer Kampf zwischen militanten Veganern und aufgebrachten Metzgern.
  • Immer wieder versammeln sich Aktivisten vor Metzgereien und stellen blutige Schlachtungen nach. Nahe der Grenze zur Schweiz fackelten sie neulich sogar einen Schlachthof ab.
  • Ziel der militanten Veganer ist es, jede Nutzung von Tieren durch den Menschen zu beenden. Sie werfen dem Fleischgewerbe nichts weniger als einen "Tier-Holocaust" vor.
Von Leo Klimm, Paris

Sie kamen nachts um drei. Mit Pflastersteinen zerstörten sie ein Schaufenster, auf ein anderes sprühten sie: "Stop spécisme!" In der Wohnung über der Metzgerei schreckten die Pitels aus dem Schlaf. "Sie waren zu zweit. Wir haben sie noch rennen sehen", sagt Karl Pitel.

Jetzt steht Metzgermeister Pitel, 48, in seinem Laden in Jouy-en-Josas, einem Dorf südlich von Paris; in der Auslage stapelt sich Entrecôte und Fasanen-Pastete. Pitel erzählt, wie sein Geschäft im Sommer zur Zielscheibe wurde. "Ich musste erst einmal nachschlagen, was mir überhaupt vorgeworfen wurde", sagt er, "Spécisme." Deutsch: "Speziesismus". Der Begriff meint die Ausbeutung und Tötung von Tieren durch die Spezies Mensch, schlicht weil sie die Macht dazu hat. Pitel verstand die Welt nicht mehr, hatte einen Schaden von 3800 Euro, aber keine Angst. "Sollen sie nur wiederkommen!"

In Frankreich tobt ein ideologischer Kampf

Kann gut sein, dass sie wiederkommen. Bald sogar. An diesem Freitag beginnen in Frankreich die "Tage des vergossenen Bluts", die der Verein 269 Life France ausgerufen hat, eine Vereinigung militanter Tierschützer. Es geht nicht um einen verspäteten Halloween-Spuk, sondern um möglichst spektakuläre Aktionen, bei denen Leute wie Eric Riquier viel rote Farbe vor Metzgereien oder Fischläden verspritzen.

Leserdiskussion Vegetarisch für die Umwelt?
Leserdiskussion

Vegetarisch für die Umwelt?

Einer Studie zufolge schadet Fleischkonsum dem Klima deutlich mehr als bislang angenommen. Demnach sind die fünf weltgrößten Fleisch- und Molkereikonzerne für mehr Treibhausgas-Emissionen verantwortlich als die großen Ölkonzerne. Ein Grund für Sie Vegetarier oder Veganer zu werden?

Riquier, 54, ist ein Kampf-Veganer - einer, der nicht nur auf jegliche tierische Produkte verzichtet, sondern deren Verbrauch auch aktiv bekämpft. "Ich mache noch mehr als Farbe vor die Läden spritzen", sagt er vieldeutig beim Treffen in einem Pariser Café. "Ich bin für Schock-Aktionen." Man könnte das als angekündigte Sachbeschädigung verstehen.

Der Vorwurf lautet: "Tier-Holocaust"

Metzger Pitel und Kampf-Veganer Riquier - sie sind zwei Feinde in einem unerbittlichen, ideologischen Kampf, der zurzeit in Frankreich tobt. Etwa hundert Vandalismusattacken wie die auf Pitels Metzgerei soll es landesweit seit 2017 gegeben haben. Es ist ein Kampf um neue Ernährungstrends und alte Traditionen, um Moral und Kultur. Darum, ob sich im Umgang mit Tieren zeigt, wer der bessere Mensch ist.

"Ein ethischer Kampf", sagt Riquier. "Eine Kriegserklärung", sagt Pitel. Die radikalen Tierschützer würden sich ja nicht mit verbesserter Schweinehaltung begnügen. Sie werfen dem Fleischgewerbe nichts weniger als einen "Tier-Holocaust" vor. Für die Metzger wiederum sind die Aktivisten schlicht "Terroristen".

Es ist kein Zufall, dass der Konflikt um vermeintlich richtige Lebensweisen - und ums richtige Essen - gerade im Mutterland der Gastronomie so hart geführt wird. Basiert französische Cuisine doch großteils auf Fleisch und Fisch in möglichst raffinierter Darreichungsform. Auch in der Literatur genießen fleischliche Gaumenfreuden besonderen Stellenwert, angefangen bei François Rabelais' Klassiker vom unersättlichen Riesen Gargantua bis zum Comic-Helden Asterix, wo kein Abenteuer ohne Wildschwein-Völlerei endet. In der Realität vertilgen die Franzosen der Welternährungsorganisation FAO zufolge knapp 90 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr - das ist vergleichbar mit dem Konsum der Deutschen.

Vegan-Aktivistin wird wegen "Verherrlichung des Terrorismus" verurteilt

Wie in Deutschland sind aber auch in Frankreich der Vegetarismus und der Veganismus stark im Kommen; jede Woche eröffnen im Land zehn bis 15 Veganer-Restaurants, so die Marktforschungsfirma Obsoco. Doch weil in Frankreich allem, was sich ums Essen dreht, existenzielle Bedeutung zugemessen wird, ufert der Konflikt hier zum Glaubenskampf aus, an dem sich auch prominente Philosophen beteiligen.

In Deutschland mag gesittet über Veggie Days debattiert werden. In Frankreich wird leidenschaftlich gestritten - bis ins Maßlose: Im Frühjahr wurde eine Vegan-Aktivistin wegen "Verherrlichung des Terrorismus" verurteilt, weil sie es auf Twitter als gerechte Strafe gefeiert hatte, dass ein Fleischer bei einem islamistischen Anschlag auf einen Supermarkt starb.