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Flüchtlingslager auf Lesbos:"Wir versuchen alles, damit die Menschen nicht in Olivenhainen schlafen müssen"

4000 Menschen stehen nach dem Brand in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos ohne Versorgung da. Julian Köberer von der deutschen Hilfsorganisation "Borderline Europa" leistet Nothilfe - und erklärt, warum Konflikte in den Lagern so leicht eskalieren.

Hilfsorganisationen kritisieren die Zustände in den Flüchtlingscamps auf Lesbos schon seit Langem. Julian Köberer, Projektkoordinator für die in Berlin ansässige Gruppe "Borderline Europe", arbeitet seit 14 Monaten auf der Insel. Zunächst war er in einer Erstversorgungsstation im Norden der Insel tätig, wo eintreffende Menschen von den Stränden abgeholt wurden. Nachdem infolge des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens deutlich weniger Boote ankommen, betreibt seine Organisation inzwischen gemeinsam mit lokalen Aktivisten in der Hafenstadt Mytilini ein Zentrum, wo Flüchtlinge Englisch- und Griechischunterricht sowie organisatorische Hilfe erhalten. Das Camp Moria, in dem jetzt der Brand ausgebrochen ist, hat Köberer mehrere Male besucht, zuletzt vor ein paar Wochen.

Herr Köberer, wie ist die Situation jetzt nach dem Brand?

Julian Köberer: Nach den Informationen, die ich habe, sind zwei Drittel des Camps abgebrannt. Zwar gab es schon öfter Feuer in Moria, aber diesmal haben sich die Flammen besonders schnell verbreitet. Das Lager muss wohl komplett neu aufgebaut werden.

Was bedeutet das für diejenigen, die dort gelebt haben?

Sie haben keine zentrale Versorgung mehr. Das betrifft geschätzt 4000 Menschen. Wie viele Flüchtlinge genau in dem Lager leben, wissen wir nicht. Durch den Brand haben die meisten nicht nur ihre wenigen Habseligkeiten verloren, sondern auch wichtige Dokumente und Pässe, die sie als Beweismittel für ihr Asylverfahren brauchen.

Was können Hilfsorganisationen wie "Borderline Europe" jetzt tun?

Wir versuchen, so gut es geht, Nothilfe zu leisten und die Menschen irgendwie zu verteilen, damit sie nicht in den umliegenden Olivenhainen schlafen müssen. Die Gruppe, mit der wir in Mytilini das Begegnungszentrum betreiben, hat gestern zum Beispiel 100 unbegleitete Minderjährige aufgenommen. Es gibt in der Nähe, in Kara Tepe, noch ein weiteres Lager, aber das ist auch schon voll. Leider kommt wie so oft alles zusammen: Es gab den verheerenden Brand, dazu eine Demo von Einheimischen, bei der Nationalisten die Stimmung aufgeheizt haben und dann hat am Tag nach dem Brand erstmals seit fünf Monaten heftig geregnet. All das verschlechtert die ohnehin prekären Zustände.

Es heißt, dass das Feuer von Flüchtlingen absichtlich gelegt worden sei. Es habe wohl einen Streit zwischen rivalisierenden Gruppen im Lager gegeben.

Wir versuchen gerade herauszufinden, wie sich das zugetragen hat. Nachdem was wir wissen, gab es im Lager wohl einen Protest gegen die EASO, also die Behörde, die für die Registrierung und die Asylanträge zuständig ist. Einige Gruppen sind in einen Hungerstreik getreten, andere wollten sich daran offenbar nicht beteiligen - und dann hat es an der Essensausgabe Streit gegeben. Solche Situationen eskalieren in dem Lager schnell. Die Menschen sind mangelhaft versorgt, stehen unter Stress und sitzen seit Monaten fest, ohne dass sie wissen, wie es weitergeht.

Lesbos

Brand in griechischem Flüchtlingscamp Moria

Wie gestaltet sich die Arbeit im Camp? Angeblich sollen Polizei und Militär den Zugang für einige Hilfsorganisation massiv behindert haben.

Die strenge Regulierung gibt es erst seit Kurzem. Außerdem ist sie ziemlich willkürlich. Manchmal kontrolliert die Polizei genau, wer hineingeht, manchmal nicht. Die schlechten Zustände kann man aber von außen schon sehen. Ich persönlich habe die Arbeit im Camp selbst ohnehin immer abgelehnt, weil ich glaube, dass den Menschen draußen besser geholfen werden kann. Ein ordentlicher Unterricht ist in Moria zum Beispiel nicht möglich. Die Stimmung dort ist extrem angespannt, viele Flüchtlinge sind traumatisiert oder haben psychische Erkrankungen. Deshalb halte ich es für wichtig, Druck herauszunehmen und den Menschen wenigstens ab und zu die Möglichkeit zu geben, dem Lagerkoller zu entfliehen.

Was müsste passieren, damit sich solche Situation wie jetzt im Camp Moria nicht wiederholen?

Dass es nicht sinnvoll ist, 4000 Menschen so einzupferchen, sagen wir schon seit Monaten. Ein Anfang wäre, den Geflüchteten ehrlich zu sagen, wie und vor allem wann es mit ihnen weitergeht. Derzeit sind sie 25 Tage im Lager interniert, danach dürfen sie sich zwar auf der Insel bewegen, aber das Asylverfahren zieht sich unendlich lange. Seitens der EU erkenne ich keinerlei Bestreben, das zu beschleunigen. Von den versprochenen mehr als 1000 Richtern, Anwälten und Frontex-Mitarbeitern, die diese Verfahren betreuen sollen, sind ja höchstens ein paar Dutzend hier angekommen.

Es gibt Gerüchte, dass sich einige Campbewohner nach Mytilini aufgemacht haben. Sie hoffen wohl, dort auf Fähren zu gelangen, die sie nach Athen bringen.

Die Chance darauf ist minimal, so wie ich es derzeit einschätze. Es sei denn, man lässt sich auf Schlepper ein. Allerdings wissen wir nicht, wie die griechische Regierung reagiert, wenn sie noch stärker unter Druck gerät. Ende vergangenen Jahres hat sie nach ähnlichen Protesten 18 000 Menschen im Schnellverfahren an einem Tag registriert, auf Fähren gepackt und aufs Festland gefahren.

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© SZ.de/tamo/leja
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