Fall Amanda Knox Den letzten Makel ausgeräumt

"Der Engel mit den Eisaugen": Amanda Knox während ihres Prozesses 2007 in Perugia.

(Foto: REUTERS)
  • Italien muss der erst wegen Mordes verurteilten und dann freigesprochenen US-Bürgerin Amanda Knox mehr als 18 000 Euro Entschädigung zahlen.
  • Die Behörden hätten bei der Befragung mehrere ihrer Menschenrechte verletzt, urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.
  • Im Grunde ging es Knox vor allem darum, auch den Vorwurf der falschen Beschuldigung aus der Welt zu schaffen.
Von Oliver Meiler, Rom

Mehr als elf Jahre ist der Mordfall von Perugia schon her, eine Ewigkeit für diese schnelllebigen Zeiten. Doch allein wenn man ihren Namen hört, kommt einem wieder die ganze Geschichte in den Sinn, mit allen Intrigen und Mysterien: Amanda Knox. Die internationalen Medien nannten sie "Engel mit Eisaugen" und "Foxy Knoxy", weil sie nach dem brutalen Mord an ihrer Freundin und Mitbewohnerin, der britischen Studentin Meredith Kercher, nicht nach den sonst üblichen Mustern reagierte. Sondern merkwürdig unberührt, keck, kalt. Sie wurde zunächst verurteilt, dann freigesprochen.

Der Fall ist schon so lange her, dass man kaum fassen kann, dass Amanda Knox erst 31 Jahre alt ist. Sie war also 20, als es passierte. Und vielleicht ist diesem Umstand nicht immer die gebührende Bedeutung beigemessen worden. Vor allem die Nacht ihres Verhörs bei der Polizei von Perugia am 6. November 2007, vier Tage nach dem Mord, könnte beim Gedanken an ihr junges Alter anders gedeutet werden. Es dauerte die ganze Nacht, irgendwann lenkte Knox den Verdacht auf den Manager eines Pubs, ihren Arbeitgeber, was ihr später eine Verurteilung wegen falscher Verdächtigung eintrug: Der Mann hatte ein Alibi.

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Für angebliche Schläge gibt es keine Indizien

Nun aber hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befunden, dass Italien die junge Frau in jener Nacht auf der Polizeiwache nicht fair behandelt hat. Knox hatte in ihrer Beschwerde gegen Italien mehrere Punkte moniert, das Gericht gab ihr in fast allen recht. So verwehrte man ihr einen Anwalt, obschon sie zu diesem Zeitpunkt bereits angeklagt war, nicht einmal einen Pflichtverteidiger rief man. Die Ermittler bestellten zwar eine Übersetzerin ein, doch die dolmetschte nicht eins zu eins, wie sie das hätte tun müssen, sondern sekundierte offenbar der Anklage und drängte Knox wiederholt zu Aussagen: "Komm, erinnere dich, streng dich an!", soll sie ständig wiederholt haben.

Keine festen Indizien fand das Straßburger Gericht hingegen für Knox' Vorwurf, die Polizisten hätten sie mehrmals geschlagen während des Verhörs. Italien muss Knox 18 800 Euro bezahlen, damit sollen der erlittene Schaden sowie die Gerichtskosten gedeckt sein. Knox hatte eine halbe Million Euro gefordert. Im Grunde ging es ihr mit der Beschwerde vor allem darum, auch den letzten verbliebenen Makel, den Vorwurf der falschen Beschuldigung, aus der Welt zu schaffen. Sie war 20, sie war in einem fremden Land, verstand die Juristensprache nicht, wurde bedrängt, eine ganze Nacht lang ausgefragt - das alles könnte dazu beigetragen haben, dass sie Falschaussagen machte. Beide Parteien haben nun drei Monate Zeit, um das Urteil anzufechten.

Knox meldete sich auf Twitter, kaum war der Entscheid bekannt: "Heute hat das Europäische Gericht für Menschenrechte beschieden, dass meine verleumderische Anklage ungerecht war." Sie danke den Richtern für ihre Weisheit, sie hätten anerkannt, dass es falsche Geständnisse gebe und dass deshalb die Methoden des Polizeiverhörs reformiert werden müssten.

Knox verbrachte fast vier Jahre in einem italienischen Gefängnis. Seit ihrer Freilassung lebt sie wieder in Seattle. Sie arbeitet dort als Reporterin, ihre Memoiren waren ein Bestseller. Und sie tritt als Vorkämpferin für Frauen auf, die unfair behandelt und unschuldig verurteilt wurden. In der Serie "The Scarlet Letter Reports" auf Facebook stellt sie Schicksale vor, redet mit den Opfern, weint mit ihnen.

Kürzlich erzählte sie auch wieder einmal von ihrem eigenen Schicksal, in einem norwegischen Radiosender. Sie habe natürlich ein kompliziertes Verhältnis zu Italien, sagte sie, doch sie hasse es nicht: "Ich werde bald wieder hinreisen." Sie müsse auch zurück nach Perugia, um die Geschichte abzuschließen, "buchstäblich, körperlich", irgendwann einmal, obschon sie dort wahrscheinlich nicht sehr willkommen sei. Noch hatte sie die Kraft dazu nicht. Unlängst habe sie sich in einem Kino in Seattle einen italienischen Film angeschaut, und als darin ein Schauspieler mit neapolitanischem Dialekt gesprochen habe, wie sie ihn oft im Gefängnis hörte, habe sie weinend den Saal verlassen.

Alle Scheinwerfer waren auf den "Engel mit den Eisaugen" gerichtet

Ihren damaligen Verlobten, den Italiener Raffaele Sollecito, hat sie wiedergesehen, er habe sie in Seattle besucht. Auch Sollecito saß vier Jahre in Haft, weil ihn die Justiz zunächst für mitschuldig befunden hatte am Mord an Meredith Kercher. Während der ganzen Saga stand er im Schatten von Amanda Knox, alle Scheinwerfer waren auf den "Engel mit den Eisaugen" gerichtet, immer. Sollecito ist jetzt Informatikingenieur, 34 Jahre alt. Auch er fühlt sich unfair behandelt von der Justiz, auch er hat ein Buch geschrieben, "Ein Schritt aus der Nacht" heißt es. Nach seiner Freilassung schrieb er sich beim Partito Radicale ein, einer politischen Partei, die sich für Bürgerrechte engagiert - etwa für die Rechte der Häftlinge. Sollecito besucht die Gefängnisse des Landes, um sich ein Bild der Zustände zu machen.

Es ist nicht überliefert, ob er da auch einmal Rudy Guede begegnet ist. Der Ivorer wurde schlussendlich zu 16 Jahren verurteilt, er allein soll den Mord an Meredith Kercher begangen haben. Am Tatort hatten die Ermittler Genspuren des Mannes gefunden. Sein Anwalt setzte auf ein beschleunigtes Verfahren, mit Aussicht auf ein geringeres Strafmaß. Guede studierte im Gefängnis Geschichte und benahm sich so mustergültig, dass er nun halb frei lebt.

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