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Netflix-Doku über Amanda Knox:"Entweder bin ich ein Psychopath im Schafspelz oder ich bin du"

Netflix-Doku über Amanda Knox

Amanda Knox hat in Seattle ein neues Leben angefangen.

(Foto: Netflix)

Amanda Knox wurde zweimal als Mörderin verurteilt und zweimal wieder freigesprochen. Jetzt rekonstruiert Netflix ihre Geschichte: sachlich richtig - und zugleich spannend.

Seit Amanda Knox vor neun Jahren verhaftet wurde, steht sie im Fokus eines weltweiten voyeuristischen Interesses. Auch der Streamingdienst Netflix versucht, von der zweimal als Mörderin verurteilten und zweimal wieder freigesprochenen Amerikanerin zu profitieren. Doch die 90-minütige Dokumentation von Rod Blackhurst und Brian McGinn kommt ohne die phrasenhaften Parolen aus, die gewöhnlich im Zusammenhang mit dem "Engel mit den Eisaugen" zitiert werden. Ihnen gelingt es, den komplizierten Kriminalfall sachlich richtig und gleichzeitig spannend zu präsentieren.

Amanda Knox ist heute 29. Die Frau im rosa Sweatshirt hat äußerlich nichts mehr mit der strahlenden Studentin zu tun, die im Oktober 2007 nach Perugia kam und kurz darauf verhaftet wurde. Nachdenklich, hager, oft bewegungslos - so sitzt sie vor der Kamera, die sie so aufdringlich filmt, als wolle sie ihr ein Geheimnis entreißen.

Doch Amanda Knox weiß, dass die Menschen im Umgang mit ihr nur eine Frage haben. Und dieses Wissen führt sie zu einem Bekenntnis, über das es sich lohnt, einen Moment nachzudenken: "Wenn ich schuldig bin, bedeutet das, dass ich absolut zu fürchten bin, weil ich so normal erscheine. Aber wenn ich unschuldig bin, bedeutet das, dass jeder verwundbar ist. Entweder bin ich ein Psychopath im Schafspelz oder ich bin du."

Crescendo der Gewalt

Am 2. November 2007, mittags, findet die Polizei in Perugia die Leiche von Meredith Kercher. Die junge Britin ist Amandas Mitbewohnerin. Netflix zeigt die unheimlichen Polizeiaufnahmen vom Tatort: Unter einer Bettdecke auf dem Boden liegt Kerchers lebloser Körper, ein Fuß schaut raus. Blut an der Wand, Blut am Boden, auch der BH, den ihr die Täter vom Leib geschnitten haben, ist blutgetränkt. Ein Crescendo der Gewalt, wird es zwei Jahre später im ersten Urteil heißen. Meredith ist von drei Angreifern mit zwei Messern traktiert worden, sie erstickt an ihrem eigenen Blut.

Während die Polizei das Haus untersucht, steht Amanda mit ihrem Freund Raffaele Sollecito, den sie kurz zuvor kennengelernt hat, draußen. Beide haben die Polizei gerufen, weil es in der Wohnung Spuren eines Einbruchs gibt und Merediths Tür verschlossen ist. Sie küssen sich, auch nachdem die Polizisten den grausigen Fund gemacht haben. Ein merkwürdiges Verhalten, findet der herbeigeeilte Staatsanwalt und hegt sofort einen Verdacht.

Giuliano Mignini ist die zweite Person, die ausführlich in der Dokumentation zu Wort kommt. Er ist ein Mann von kraftstrotzendem Selbstbewusstsein. Mit großen Gesten schildert er den Gang der Ermittlungen, vor allem die Vernehmung in der Nacht vom 5. auf den 6. November, die dem Paar zum Verhängnis wird. Denn anders als bei ihrer ersten Aussage gibt die Amerikanerin nun an, sie sei doch zur Tatzeit in der Wohnung gewesen. Dort habe ihr Arbeitgeber, ein Barbesitzer, Meredith umgebracht, während sie in der Küche saß - ein sensationelles Bekenntnis, das sich als Märchen entpuppt.

Eine Lüge als Beweis der Schuld

Bis heute wird darüber gerätselt, warum Amanda Knox einen Unschuldigen bezichtigte. In der Dokumentation wiederholt sie, was sie in all den Jahren wieder und wieder ausgesagt hat: dass sie nach den stundenlangen Vernehmungen den Sinn für die Realität verloren habe und sogar von der Polizei geschlagen worden sei - eine Aussage, die aber alle Instanzen zurückgewiesen haben. Für Staatsanwalt Mignini ist ihre Lüge bis heute der Beweis ihrer Schuld: "Sie wollte die Ermittlungen von sich ablenken." Auch Raffaele verwickelt sich in Widersprüche, und noch ehe eine einzige Spur ausgewertet ist, wird der Presse tags darauf die Lösung verkündet.